Sonntag, 20. März 2016

Lemmy hat mich beinahe umgebracht! - Anthrax-Gitarrist Scott Ian im Interview


Der Mann, der noch schneller spricht als er spielt: Scott Ian mit Anthrax live 2012. Foto: Jonas Rogowski
Neben Exodus, Slayer und Metallica gehören Anthrax ohne Zweifel zu den Mitbegründern des Thrash Metal Genres. Jener Spielart extremer Musik, mit der einige Aufrührer dem in heroischer Pose erstarrenden klassischen Metal zu Beginn der 80er bewaffnet mit Kettensägen-Riffs und Presslufthammer-Drums zu aufgedunsenem Leibe rückte. Die Songs wurden kürzer und brutaler. Und statt von Verliesen und Drachen zu singen, schrien die jungen Wilden düstere Endzeitvisionen voller Tod und Gemetzel in die von der atomaren Bedrohung überschattete Welt hinaus.  Doch selbst neben diesen Aufwieglern wirkten Anthrax irgendwie anders: Während sich die Bands von der Westküste mit Killer-Nieten behängten und albtraumhafte Kreaturen oder Pentagramme auf ihre Plattenhüllen drucken ließen, wählten sich die New Yorker den pfannkuchengesichtigen Grinsekopf „Not Man“ zum Maskottchen und ließen sich mit Skateboards ablichten. Ende Februar erschien ihr jüngstes Album „For All Kings“ (Nuclear Blast/Warner Music). Es ist ihr 11. in 35 Jahren Bandgeschichte. Während all dieser Zeit blieb Scott Ian die einzige Konstante. Wie sich beim Interview herausstellt, spricht der 52-Jährige Ziegenbartträger genauso schnell und pointiert wie er Gitarre spielt.   
The Big rock Blog: Nach einem Niedergang Mitte der 90er Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends erlebt der Thrash Metal gerade wieder eine Renaissance. Alte Bands wie Slayer oder Megadeth segeln vor frischem Wind und auch junge Fans und Musiker interessieren sich wieder für das Genre. Erlebst du das auch so?
Scott Ian: Hm, darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht. Ich gehe einfach jeden Tag zur Arbeit bei der Anthrax AG. Das ist ein wenig, wie in einer Seifenblase zu leben. Ob in den 90ern irgendetwas relevant war oder heute wieder relevant ist, darauf habe ich nie geachtet. Wir waren immer gut im Geschäft, wenn das Ihre Frage beantwortet.
Anthrax waren als Band also immer gleich stark gefragt?
Nun ja, von 1997 bis 2000 war die Lage kommerziell gesehen nicht so rosig wie zuvor. Aber ich denke, solche Schwankungen sind normal, wenn man so lange dabei ist wie wir – das gilt wohl für jede Branche.
Seine Geburtsstunde und erste Blüte erlebte Thrash Metal in den 80er Jahren. Damals war die Bedrohung eines Nuklearkrieges sehr real und allgegenwertig. Heute fürchten wir den Terrorismus. Sind bedrückende Zeiten gute Zeiten für aggressive Musik?
Puh, auch darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber ich kann mir vorstellen, dass man diese Theorie beweisen könnte. Als wir anfingen in den 80ern war Reagan Präsident, das waren definitiv gruselige Zeiten…
Anthrax Gründungsbassist Dan Lilker, mit dem du später noch bei den Crossover-Pionieren S.O.D. spieltest, nannte nach seinem Abgang seine neue Band sogar Nuclear Assault.
Ja, es herrschte eine beklemmende Stimmung und Thrash Metal wurde geboren. Dann passierten die Anschläge vom 11. September 2001 und Thrash wurde größer und größer. Verrückterweise ist diese Musik heute kommerziell erfolgreicher als sie es in den 80er Jahren jemals war. Ja, es scheint so zu sein: Je schlimmer die Dinge auf unserem Planeten stehen, desto bedeutender wird Thrash Metal (lacht).
Indessen scheinen heute viele Leute vergessen zu haben, was für eine beklemmende Stimmung in den 80ern herrschte. Ich kenne die Verbrechensstatistik von New York, wo du aufgewachsen bist, aus diesen Jahren nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass dort damals pro Jahr mehr Leute erschossen und abgestochen wurden, als die knapp 3000 Menschen, die beim Anschlag auf das World Trade Center umgekommen sind.
Oh ja, die Verbrechensrate war viel höher. Allerdings war das New York der späten 70er und frühen 80er, in dem ich aufgewachsen bin, eine völlig andere Welt. Als 13-Jähriger war es das absolut größte für mich, in die Stadt zu gehen und in den Plattenläden von Greenwich Village abzuhängen. Es war viel gefährlicher, aber trotzdem auch irgendwie unschuldiger. Vielleicht war auch nur ich unschuldiger. Ich war ein Teenager, aber ich nahm keine Drogen und beging keine Verbrechen. Ich wusste, dass es diese Dinge gab und wo, aber ich hielt mich fern davon. Gut, ich habe mir mal einen gefälschten Ausweis gekauft, um in Clubs reinzukommen. Und einmal hat mich auf dem Times Square einer mit dem Messer bedroht. Ich habe dem Typen meine 15 Dollar gegeben und hatte natürlich auch Angst, aber ich dachte nicht, dass ich jetzt sterbe. Heute dagegen muss man, egal wo man ist, damit rechnen, sein Leben zu verlieren. Egal, ob durch religiöse Fanatiker oder auch nur irgendeinen verdammten Irren mit einer Knarre, der entscheidet, dass er heute in einer Schule rumballern muss. Nehmen Sie nur den Angriff aus den Musikclub Bataclan in Paris, wo gerade die Eagles Of Death Metal spielten. Wobei man einräumen muss, dass zumindest hier in Amerika, der einheimische Terrorismus ein ernsteres Problem darstellt als der von außen kommende. Es gibt mehr Amerikaner, die Amerikaner töten als religiöse Extremisten, die Attentate begehen.
In den 80ern war Terrorismus etwas, das anderswo passierte, in Nordirland zum Beispiel…
…genau, oder im Mittleren Osten, in Palästina. Jedenfalls war Terrorismus damals nicht Teil meines Lebens. Heute muss ich mich, da ich auf dieser Erde lebe, zwangsläufig damit auseinandersetzen. Als Kid in den 80ern habe ich mir nicht ständig Sorgen gemacht, dass wir uns als Spezies mit Atombomben auslöschen könnten. Wenn ich aber jetzt einen Bahnhof betrete, geht es mir durch den Kopf, dass jeden Augenblick einer mit einem Bombengürtel um den Bauch auf den Bahnsteig rennen könnte. Im Dezember war ich bei der Premiere von Star Wars – mit meiner Familie. Es ist ein großes Ereignis und es sind jede Menge Leute da und in mir steigt der Gedanke auf, „was, wenn jetzt einer losballert?“.  Das ist die Welt in der wir heute leben!
Reden wir von erfreulicheren Dingen. Ihr habt eine neue Platte aufgenommen, darauf sind wieder ein paar richtige Ohrwürmer. Gibt es einen Grund dafür, dass die Thrash Bands von der Ostküste wie Anthrax oder Overkill schon immer etwas melodischer waren als die Westküstenbands wie Exodus  oder Slayer?
Darüber denke ich nicht nach. Wir planen nicht, was für Lieder wir schreiben. Wir gehen zu dritt in den Proberaum und legen los. Wir versuchen Musik zu machen, die uns die Haare schütteln lässt und Songs zu komponieren, die wir nirgendwo anders hören können. So halten wir es seit 1981.
„For all Kings“ ist ein für manche überraschend starkes Album geworden. Es ist das erste seit „Worship Music“ von 2011, das gemischte Reaktionen erntete. Davor gab es acht Jahre lang keine neuen Aufnahmen, sondern Querelen in der Band, die mit zahlreichen Besetzungswechseln einhergingen. Hattet ihr etwas zu beweisen?
Nein, die Meinung von anderen ist mir egal – abgesehen von den Jungs in der Band.
Wenn du an neuen Songs arbeitest, bist du eher ein  Hamsterer, der erst tausende von Riffs hortet und dann das meiste verwirft oder schreibst du eher wenig und nimmst das dann auch alles?
Es ist eher so, dass ich die eine oder andere Idee, die mir in den Sinn kommt, wenn ich die Gitarre zur Hand nehme, mit dem Telefon aufnehme. Wenn wir dann in der Band an Songs arbeiten und es würde passen, krame ich sie dann wieder hervor. Ich bin also kein Hamsterer. Mir kommen die besten Ideen, wenn ich mit Charlie (Benante) und Frankie (Bello) unserem Bassist gemeinsam zocke.
Nochmal zurück in die 80er. Anthrax waren nicht nur Mitbegründer der Thrash Metal-Szene. Sie waren mit ihrem Nebenprojekt S.O.D. (1985), Anthrax- Songs wie „I´m the Man“ (1987) und einer Kollaboration mit Public Enemy („Bring the Noise“, 1991) auch stilbildend für das Crossover Genre, in dem sich Elemente von Hip Hop, Hardcore und Metal verbanden. Was später sehr erfolgreiche Bands wie Korn oder Limp Bizkit inspirierte.
Ja, stimmt.
Heute läuft zwischen der Metal- und der  Hip Hop-Szene so gut wie nichts mehr. Was ist passiert?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat keiner mehr eine gute Idee für sowas gehabt, ich jedenfalls hatte keine mehr seit der Sache mit Public Enemy (lacht).
Ihr wart damals mit denen auf Tour. Sind da zwei Welten aufeinander geprallt? Chuck D hat mal gesagt, einige der Shows auf dieser Konzertreise wären mit das härteste gewesen, was er je mitgemacht habe.
Nein, wir waren einfach ein Haufen New Yorker, die gemeinsam etwas völlig Neues, Einmaliges auf die Beine gestellt haben. Eine Metal Band und eine Rap Band, die gemeinsam auf Tour gingen, das hatte es nie zuvor gegeben. Es war ein fantastisches Erlebnis. Wobei wir – das muss ich ehrlich sagen – auch an viele Orte gekommen sind, wo die Leute für so etwas noch nicht bereit waren. Aber wir hatten wie gesagt eine Menge Spaß, weil wir so sehr liebten, was wir taten.
Ende vergangenen Jahres ist Szene-Übervater Lemmy Kilmister gestorben. In dem Rockumentarfilm "49% motherfucker. 51% son of a bitch" von 2010 über ihn hast du einen Auftritt und erzählst diese urkomische Story, wie sie mit seiner Band Motörhead im selben Studiokomplex aufnahmen und dir der frisch ins sonnige Kalifornien umgezogene Lemmy täglich in diesen Hot Pants-artigen ultrakurzen Hosen über den Weg gelaufen sei, die tiefer blicken ließen als dir lieb war. Lemmy, von ihnen darauf angesprochen, meinte mit Blick auf eure knielangen Beinkleider nur ganz trocken: „Es ist warm draußen, deshalb trage ich Shorts und habe es kühl. Das hingegen sind lange Hosen“.  Das ist eine meiner Lieblingsstellen im Film…
…oh, danke schön…
…hast du vielleicht nochso eine gute Geschichte über ihn?
Keine, für die ich nicht eine halbe Stunde brauchte, um sie zu erzählen (lacht). Das erste Mal habe ich Lemmy 1985 in einer Bar in London getroffen. Und ich versuchte mit ihm mitzuhalten beim Trinken, denn er war ja mein Held. Das war aber ein verdammt schwerer Fehler. Um es kurz zu machen: Zwei Tage später kam ich in einem Münchner Hotelzimmer wieder zu mir während ein Arzt mir eine Spritze verpassen wollte, weil ich eine üble Alkoholvergiftung hatte und mich ständig erbrach Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, weil ich überzeugt war, er sei der Nazi-Doktor aus dem Film „Marathon Man“. Es war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens. Ich kann also von mir sagen, Lemmy hat mich 1985 beinahe umgebracht.  Ziemlich verrückt, was?
Diese Geschichte erzählst du ebenfalls in deinem Spoken-Word-Programm, mit dem du auch schon auf Festivals wie dem Wacken Open Air aufgetreten bist. Machst du das noch gelegentlich?
Wenn ich die Zeit habe. Es ist aber schwierig ein Zeitfenster dafür zu finden, weil Anthrax ständig spielen. Aber Lust hätte ich schon.
Was macht den Reiz daran aus, Leuten Geschichten über Heavy Metal zu erzählen, wenn man stattdessen selbst mit der eigenen Heavy Metal Band auf der Bühne stehen könnte?
Wenn ich keine Gitarre umhängen habe und nicht mit der Band spiele, habe ich die alleinige Verantwortung. Es gibt nur mich und das Mikrofon und die Leute, die von mir unterhalten werden möchte. Das gefällt mir daran.
Ein weiteres Hobby von dir ist Poker. Ein Online-Poker-Anbieter hat dich sogar mal als Profi unter Vertrag genommen. Du musst also ziemlich gut sein. Was ist das faszinierende an dem Spiel?
Das war mal. Ich habe schon seit fünf Jahren nicht mehr ernsthaft gespielt. Online-Poker ist in den U.S.A seit 2011 verboten. Das war so ziemlich das Ende meiner Spieler-Laufbahn.
Von der Band oder der Crew will niemand mit dir spielen?
Nein, keiner von meinen Freunden spielt noch Poker mit mir. Nicht einmal, wenn ich verspreche, es langsam angehen zu lassen.
Noch mal zurück zur Musik. Du hast mal gesagt, dass Accept einer deiner Haupteinflüsse als Gitarrist waren. Wann und wie hast du die Deutschen Metal-Pioniere entdeckt?
In den frühen 80ern waren meine Freunde und ich ständig auf der Jagd nach der nächsten härtesten Band der Welt. Irgendjemand kam dann mit „Breaker“ (drittes Accept Album, erschienen 1982) an und wir sind total auf die Scheibe abgefahren. Für mich war das die härteste Platte aller Zeiten – bis (der Nachfolger) „Restless and Wild“ herauskam. Von 1982 bis ´84 haben wir kaum was anderes gehört, nichts war so heftig wie Accept. Sie waren die metallischste Metal Band, die es gab.
Hast du sie auch live erlebt?
Sie kamen nach New York im Vorprogramm von Kiss. Wir kauften uns natürlich Tickets für die Show in der Radio City Music Hall. Aber am Tag zuvor spielten sie im The Mid-Hudson Civic Center in Poughkeepsie im Staat New Xork, etwa 80 Meilen nördlich von New York City. Wir fuhren hin, denn wir wollten unbedingt die ersten sein, die Accept sehen – Den Auftritt Kiss haben wir nicht mal abgewartet. So konnten wir unseren anderen Freunden am nächsten Tag erzählen, wir haben Accept schon gestern Abend gesehen und sie waren unglaublich. Dann haben wir Kiss wieder nicht angeschaut, sondern sind nach Brooklyn gefahren, weil Accept dort nachts um eins noch eine zweite Show in einem Club spielten. Dort war die Hölle los. Der Laden war vielleicht für 1200 oder 1500 Besucher ausgelegt, aber es waren bestimmt mehr als 2000 da, die komplett ausgerastet sind. Es war ein verdammt geiles Konzert.
War das nicht ein großes Opfer für dich, zweimal auf Kiss zu verzichten für Accept? Ich dachte, du wärst auch ein ziemlich fanatischer Fan von denen.
Stimmt, aber Kiss-Fan war ich nur von 1975 bis 1978. Nach „Alive II“ waren sie mir herzlich egal.

 

Donnerstag, 25. Februar 2016

Verderbter als Mötley Crüe - Pentagram-Doku erscheint auf DVD

Wem „The Dirt“, die Biographie der berüchtigten Chaos-Rocker Mötley Crüe, zu krass und verderbt war, der sollte von dieser Doku die Finger lassen: „Last Days Here“ (Peaceville/Edel) über das Leben des absonderlichen Pentagram-Frontmannes, Bobby Liebling, die am Freitag, 26. Februar, als DVD erscheint, erzählt die tragische Geschichte einer gescheiterten Existenz, weckt aber gleichzeitig die Hoffnung auf Erlösung: Die Exzesse des völlig abgewrackten Sängers, den wir zu Beginn des ursprünglich 2011 erschienenen Films sehen, ließen sogar Keith Richards die Haare zu Berge stehen lassen. Und der trifft bekanntlich eher selten Leute, die noch kaputter sind als er selbst.
Zwar waren Black Sabbath ein wenig früher am Start, als die 1971 in Nord-Virginia gegründeten US-Doomer, aber ohne deren Einfluss wären Bands wie Kyuss, Fu Manchu oder Down wohl nicht denkbar. Trotzdem haben es Pentagram nie über einen Underground-Kultstatus gebracht.

An dieser Misere ist offensichtlich vor allem einer Schuld: Bobby Liebling, wie man auch im Rock-Blog-Interview nachlesen kann. „Hast Du jemals etwas anderes gemacht, außer Rock´n´Roll?“, fragt Co-Regisseur Demian Fenton Liebling, dessen fluchbeladene Stimme seit 45 Jahren die einzige Konstante im ausgeflippten Pentagram-Universum bildet, in einer der ersten Szenen. „Nichts“, nuschelt der Sänger, der mit seiner Krausen Mähne, Hakennase und hohlwangigem gesicht ein wenig aussieht wie Ronnie James Dios evil twin, während er Rauch aus einer Crackpfeife in seine Lungen saugt. „Doch, Drogen“, fügt er hinzu. Vierzig seiner 62 Lebensjahre hat Liebling als lichtscheuer, in Crackschwaden gehüllter Drogen-Ghoul im Souterrain seines Elternhauses gefristet. Sein vom Heroin zerfressener Körper gleicht dem eines vertrockneten Frosches. Die Arme sind Bandagiert, weil er sich sonst blutig kratzt. Denn im Drogenwahn bildet sich Liebling ein, unter seiner Haut lebten Insekten.
Dios evil twin: Bobby Liebling Foto: Nicolas Coitino
Was „Last Days Here“ über bloßen Ekel-Voyeurismus à la Dschungelcamp heraushebt, ist, dass sich die Filmemacher entgegen  journalistischer Prinzipien ihres Dokumentationsobjekts annehmen. Sie lassen Liebling einen Vertrag unterschreiben, in dem er sich verpflichtet, keine Drogen mehr zu nehmen. Bricht er die Vereinbarung, verliert er seinen wertvollsten Besitz: die riesige Plattensammlung. An den Erfolg dieser eher drolligen Maßnahme glaubt man als Zuschauer freilich keine Sekunde. Vielmehr erwartet man ständig, der völlig durchgeknallte Liebling werde in seinem dunklen, abgefuckten Kellerloch elendig verrecken. Doch dann nimmt die Geschichte eine Wende, die selbst Schmalzschreiber vom Kaliber einer Rosamunde Pilcher die Schamesröte ins Gesicht triebe: Bobby Liebling kommt tatsächlich von den Drogen los (zumindest weitgehend) und trommelt erfolgreich eine neue Pentagram-Besetzung zusammen. Auch privat gelingt ihm ein Neustart: Er zieht aus den elterlichen Katakomben in ein eigenes Appartement und am Ende des Films erwarten er und seine frisch angetraute junge Frau ihr erstes gemeinsames Kind.
Drogen und Rock´n´Roll: Pentagrams Bobby Liebling  Foto: Nicolas Coitino
„Last Days Here“ steht s in einer Reihe von Rock-Dokumentationen, die nicht nur darauf abzielen, das Publikum zu informieren, sondern auch die ins Stocken geratenen Karrieren der Mitwirkenden neu zu beleben. Der Trend begann 2009 mit "Anvil! The Story of Anvil ". Ein Bericht über die kanadische Heavy Metal Band Anvil und deren leicht vertrottelt wirkenden Frontmann Lips, der nie den großen Durchbruch geschafft hatte, aber trotzdem jahrzehntelang unverzagt weitergestümperte. Das mit wohlwollendem Humor gezeichnete Portrait war ein weltweiter Kinoerfolg und Anvil spielen seither alljährlich auf den großen Festivals. Auch Pentagram haben sich im Frühjahr für eine Deutschlandtour angesagt.


April 6th - Lindau, Germay @ Club Vaudeville
April 7th - Munich, Germany @ Backstage Hall
April 8th - Wiesbaden, Germany @ Schlachtof Wiesbaden Hall
April 9th - Durby, Belgian @ Durby Rock
April 11th - Vienna, Austria @ Arena Hall
April 12th - Jena, Germany @ F House
April 13th - Berlin, Germany @ Lido
April 14th - Hamburg, Germany @ Klubsen
April 15th, Tilburg, The Netherlands @ 013 / Roadburn Festival

Dienstag, 23. Februar 2016

Scharlatane oder echte Rocker? - Wanda aus Wien live im Test

Charmant angeranzt: Marco Michael Fitzthum 2015 mit Wanda auf der Bühne. Foto: Pistenwolf
„Hey Mann, bist Du jetzt auch schon total verweichlicht oder bist Du mit einer Frau da?“, fragt ein Konzertbesucher seinen Bekannten – nur halb im Scherz. Der andere nuschelt ein wenig verlegen irgendwas von „endlich mal wieder unironische Rockmusik“. Beide Gesprächspartner haben sich am Sonntagabend im Foyer des Karlsruher Tollhauses beim Schlange stehen am Bierstand nach scheinbar längerer Zeit wiedergetroffen. Ihre Outfits – Ringelpulli, Schnauzer, lange Haare sowie Stachelfrisur und Lederjacke – weisen sie als Anhänger härterer Alternativmusik aus. Ihr kurzer Wortwechsel umreißt ziemlich genau die Frontlinien in der Kontroverse um Wanda, die drinnen im Saal die ersten Akkorde anschlagen.
Denn während die einen die Österreicher für die „vielleicht letzte wichtige Rock’n’Roll-Band unserer Generation“ (Musikexpress) halten, stellt sie für die anderen wenig mehr dar als die Austro-Variante überspannten Befindlichkeits-Pops Hamburger Schule. „Scharlatane oder echte Rocker?“ lautet daher die heutige Frage an das Wiener Quintett um Sänger Marco Michael Fitzthum.
Die Frage ist relativ schnell relativ eindeutig beantwortet: „Mein Glied unterwirft sich der Diktatur deines Mundes, Baby“, singt Fitzthum in „Luzia“, dem ersten Song des Sets. Solche Zeilen würden Studi-WG-Bands wie Kettcar oder Tomte nie über die Lippen kommen. Sie sind weder politisch korrekt noch jugendfrei. „Ich will zum Himmel fahren, so schnell und bequem wie es geht“, heißt es im zweiten Song „Schick mir die Post“ (ins Spital). Dabei weiß doch jeder, der einmal Grimms Märchen gelesen hat, dass ins Himmelreich nur steinige, unzugängliche Wege führen. Während breite komfortable Straßen direkt vor dem Höllentor enden. Aber ist Himmel nicht Ansichtssache? „Hell ain´t a bad place to be“, sang Bon Scott. Und der 1980 gestorbene AC/DC-Frontmann muss es schließlich wissen.
Und  wer hat eigentlich wann das Dogma in die Welt gesetzt, der Rock´n´Roll als Sprössling der Verbindung zwischen den ursprünglich lyrisch recht unzweideutigen Musikstilen Blues und Country wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis gewesen? Warum also nicht endlich mal wieder ungeniert von Mädels und Schnaps singen? Und natürlich den seelischen und gesundheitlichen  Problemen, die beide mit sich bringen? Lange Zeit gehörte es zum guten Pop-Ton, die von niederen Instinkten beherrschten Aspekte der Selbstverwirklichung in Selbstironie zu verpacken. So konnte man von der Binnen-I-Fraktion schon nicht an den Gender-Pranger gestellt werden. Das Verdienst von Wanda ist es, diese lustfeindliche Ära auch außerhalb von Randgruppen-Genres für Abgehängte wie Gangster-Rap beendet zu haben.
Auch musikalisch rau-rumpeln Wanda eher brüsk-borstig zwischen The Clash und den Rolling Stones als dass sie im NDW-Fahrwasser dümpeln. Das zeigt sich beim countryesquen Schrammel-Shuffle von "Schickt mir die Post" genauso wie beim großtuerisch im Midtempo stolzierenden „Bussi Baby“.
Frontmann Marco Michael Fitzthum alias Marco Michael Wanda schließlich hat nicht nur eine ziemlich gut durchgequälte Bluesstimme, sondern gibt auch dazu passend den charmant angeranzten Stenz im weißen Anzug, dem das krause Haar über der Stirn lichter wird, aber auf der bleichen Hühnerbrust dafür umso dichter sprießt. Die Klaviatur der großen Rockstar-Gesten spielt Fitzthun gekonnt, indem er die Pose mit einer wohl dosierten Mischung aus Arroganz und Verletzlichkeit unterfüttert.  Ob er sich nun lässig an die Schulter seines Gitarristen anlehnt, vom Gram gebeugt zu Boden sinkt oder sich vom begeisterten Publikum auf Händen tragen lässt.
Okay, richtig derbe Rockschweine, die sich in ihrer Freizeit gegenseitig leere Whiskeyflaschen auf die Ömme hauen, werden Wanda in diesem Leben zwar nicht mehr. Aber dafür haben die Wiener mit „1,2,3,4“, „Luzie“, „Schick mir die Post“ oder „Meine beiden Schwestern“ ziemlich viele Ohrwürmer am Start. Und auch wenn sich in die Setlist zwischendurch noch der ein oder andere Langweiler einschleicht,  ist das mehr, als manche Band mit gerademal zwei Alben im Gürtel von sich behaupten kann.  Wirklich bemängeln lässt sich am Ende allenfalls, dass  Wanda als Zugabe "A Hard Day's Night" von den Beatles anstimmen. Wo „Little Red Rooster“ von den Stones irgendwie passender gewesen wäre. Doch wer ist schon perfekt.

Montag, 22. Februar 2016

Königlicher Thrash-Genuss - Anthrax veröffentlichen "For All Kings"


Vor der endgültigen Rückkehr von Sänger Joey Belladonna 2010 hatte es schon verflixte sieben Jahre lang keine neue Musik von Anthrax zu Kaufen gegeben. Stattdessen hatten die New Yorker mit bandinternen Querelen und kaum nachvollziehbaren Besetzungswechseln viel Kredit bei den Fans verspielt. Das 2011er Comeback-Album „Worship Music“ hatte dann lediglich durchwachsene Reaktionen geerntet. Die Big-Four-Thrash-Veteranen hatten mit ihrem neuen Langspieler, der am Freitag, 26. Februar, erscheint also durchaus etwas zu beweisen. Und? „For All Kings“ (Nuclear Blast/Warner Music) ist der erhoffte Befreiungsschlag geworden! Zwar greifen einen Anthrax mit diesem Album nicht unmittelbar am Nacken und schütteln einem rüde die Birne durch wie man das aus früheren Zeiten gewohnt war. Aber nach einigen Durchläufen entfaltet „For All Kings“ seine Kraft: Schon der Opener „You Gotta Believe“ ist eine rhythmisch ausgefeilte Achterbahnfahrt von einem Song. Daneben gibt es progressiv angehauchte Epen wie „Blood Eagle Wings“, verzwirbelte  Riffomanien wie „Evil Twin“ und klassische Mosh-Pit-Kracher wie „Suzerain“ oder „Zero Tolerance“. Die Klammer, die dieses äußerst variable Songmaterial zusammenhält, ist die Stimme von Joey Belladonna, dessen Gesangsarbeit beim majestätischen Titeltrack selbst Ronnie James Dio nicht hätte peinlich sein müssen. „For All Kings“ trägt seinen Namen zu Recht. Dieses Album ist ein königlicher Genuss für Thrash-Fans. 
Melden sich lautstark zurück: Anthrax Foto: Stephanie Cabral
  



Montag, 15. Februar 2016

Wildern in Opas Plattensammlung - Pristine

Tromsø in Norwegen ist die nördlichste Großstadt der Welt. Da sind die Nächte lang und die Winter kalt und man hat viel Zeit sich mit Opas Plattensammlung auseinanderzusetzen. Auf ihrem ersten international erscheinenden Longplayer lassen PRISTINE folglich Sounds ertönen, die schon unseren Vorfahren lieb und teuer waren: Auf „Reboot“ finden sich flotte, DEEP-PURPLE-angehauchte Rocker wie “All of my Love” oder das Tanz-animative “Bootie Call”. Der Jazz-rockige Titeltrack wiederum erinnert ein wenig an die Prog-Pioniere COLOSSEUM. Bei „The Middlemen“  lugt dann SANTANA zwischen allen Gitarrensaiten hervor, während das atmosphärische „California“ den FLEETWOOD MAC der Peter-Green-Ära huldigt. Schließlich gibt es mit “All I want is you” sogar noch ein nettes Psychedelic-Ballädchen (Schrummelorgeln, Hallgitarren und alles). Dabei sind PRISTINE keine bloßen Retro-Schrammler, sondern hörbar richtig gute Musiker, allen voran Sängerin Heidi Solheim. Was vielleicht fehlt, sind ein zwei wirklich herausragende Ohrwürmer, aber Psychedelic-Freaks und Fans klassischen Rocks sollten PRISTINE eine Chance geben.
Machen auch im Schnee Spaß: Pristine Foto: Marius Fiskum