Samstag, 5. November 2011

Erlebnis-Gastronomie mit Apfelschorle - US-Soul-Star Rihanna dröhnt mit ihrer „Loud“-Tour in Hannover

„Loud“ ist das passende Motto für Rihannas Konzertreise. Über die schiere Lautstärke ihrer Produktion hinaus, präsentiert sich die Sängerin von der Urlaubsinsel Barbados am Freitag in der voll besetzten Tui-Arena in Hannover auf einer Bühne, die einem gigantischen Speaker-Kabinett nachempfunden ist.

Die Show beginnt mit einem grellen wie markerschütterndem Video- und Soundgewitter. Vier enorme, wie Lautsprecher-Chassis gestaltete, bewegliche Leinwände senken sich an Drahtseilen hängend auf die Bühne herab. Deren Rückpartie wird beherrscht von vier weiteren gewaltigen, übereinander angeordneten Bildschirmen. Auf sie wird Rihannas Einzug in die Arena übertragen. Der unterste Monitor öffnet sich. Durch den klaffenden Durchlass fährt Rihanna gewandet in ein glitzergrünes Mini-Trenchcoat und rosa Hochfront-Pumps in einer Art Leuchtkugel stehend ein. Dabei schmettert sie lauthals ihren Welthit “Only Girl (In the World)”.

Der Zweitschlag folgt unmittelbar: “Disturbia” einen weiteren Nummer-1-Hit vom 2007er Output „Good Girl Gone Bad“ bietet sie im leuchtfarbenen Zweiteiler dar, flankiert von einem halben Dutzend ebenfalls leuchtfarbener Tänzer.

Damit ist schon das komplette dramaturgische Inventar des Rihanna-Spektakels beschrieben. Begleitet von einer für eine Showlänge von zwei Stunden erstaunlichen Zahl instrumental-solistischer, tänzerischer und filmischer Einlagen ihres Ensembles wird Rihanna auf verschiedensten Bühnenelementen (Autowracks, pinke Geschütztürme, Throne, Käfige) in unterschiedlichen Stadien des unbekleidet Seins vor den Augen der staunenden Gäste immer und immer wieder auf ihren Arbeitsplatz gehievt.

Dazu reicht sie solide Hit-Kost, mal mit Dancefloor-, Reggae- oder R´n´B-Geschmack. Nun ist derlei konsumorientierte Chart-Pop-Event-Gastronomie musikalisch zwar weitgehend spannungsfrei, aber beileibe nicht verdammenswert. Doch kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, der Star gebe sich mit dem eigenen fehlenden Anspruch musikalischer Innovation selbst nicht zufrieden und suche ihn durch allerlei Image-Kapriolen zu kompensieren.

Am augenfälligsten wird das während des Lackleder-angehauchten Kurzauftritts, während dem sich die selbsternannte "Rebelle" im schwarzen Frack zunächst zu Prince’s “Darling Nikki” mit einigen halbnackten Tänzern in den Stellungskrieg begibt und dann während “S&M” auf einem männlichen Fan Reiterspiele vollführend im Bühnenboden versinkt.

So sehr sie es versucht, dieser Frau gelingt es zu keinem Zeitpunkt den unzüchtigen Charme ähnlich erfolgreicher Pop-Karrieristinnen vom Schlage einer Christina Aguillera oder gar Pink zu entfalten. Wenn Rihanna singt, “Sex in the air, I don't care, I love the smell of it. Sticks and stones may break my bones. But chains and whips excite me", klingt das nicht wollüstig, sondern als wolle sie einem eine Apfelschorle anbieten. Wer hier scharf wird statt durstig wird, sollte einen Sexualtherapeuten aufsuchen.

Freitag, 4. November 2011

Goodbye Gaddafi - ein Nachruf auf den letzten Rock´n Roller unter den Despoten

Muammar Abu Minyar al-Gaddafi hat den Krieg gegen sein Volk verloren und ist nach 42-jähriger Herrschaft in die ewigen Diktatoren-Jagdgründe eingegangen. Der exzentrische Wüstensohn war der letzte Rock´n Roller unter den Despoten: Sgt.-Pepper-Fantasie-Uniformen, überdimensionierte Sonnenbrillen, weibliche Leibgarde, goldene Pistolen und alles. Als geläuterter Terrorismus-Pate und Öl-Lieferant lange Zeit vom Westen hofiert, zeigte er zuletzt als skrupelloser Schlächter seiner Landsleute wieder sein wahres Gesicht.

Mit seiner Herrschaft endet eine Ära – jene der postkolonialen Despoten, die exotisch wirkten, aber ganze Länder mit der Nilpferd-Peitsche regierten. Nach der Demission des Leoparden-bemützten Kongolesen Mobutu Sese Seko und des chilenischen Generals Augusto Pinochet war der libysche Revolutionsführer der letzte unter den Machthabern von Nordkorea bis Südamerika, der bananen-republikanischen Diktatoren-Esprit versprühte. Um es in Abwandlung eines geflügelten Diplomatenwortes zu sagen: „Er war ein Hurensohn, aber ein unterhaltsamer Hurensohn.“

Am 1. September 1969 putschte sich der junge Oberst gegen König Idris I. in Lybien an die Macht. Sein „Bund Freier Offiziere“ war von den arabisch-sozialistischen und nationalistischen Ideologien des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser begeistert.

Von 1911-1942 war das nordafrikanische Libyen italienische Kolonie gewesen. 1951 wurde es als konstitutionelle Monarchie aus UN-Verwaltung in die Unabhängigkeit entlassen. Die Entdeckung reicher Erdölvorkommen 1959 machte den Maghreb-Staat zu einem der wichtigsten erdölexportierenden Länder der Welt.

1975 veröffentlichte der am 7. Juni 1942 geborene Revolutionsführer das Grüne Buch, in dem er seine politischen Ziele darlegte. Ab 1976 firmierte Gaddafis Junta-Regime als Islamistisch-sozialistische Volksrepublik.

Gaddafi setzte sich für die arabische Einheit ein und initiierte verschiedene Libysch-Arabisch-Afrikanische Vereinigungsprojekte, die aber allesamt scheiterten. Als Revolutionsführer verzichtete der in Großbritannien ausgebildete Offizier darauf, sich vom gewöhnlichen Oberst zum „Reichsmarschall“ oder ähnlichen Rängen zu befördern. 1979 trat er offiziell von der Staatsführung zurück. Was seinen beherrschenden Einfluss als „Bruder-Führer“ in keiner Weise schmälerte.

Während der 80er Jahre machte Gaddafi als Terrorismus-Pate – er unterstützte die IRA genauso wie radikale Palistinesergruppen – und wegen einer Dauerfehde mit den USA von sich reden. Nach dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek La Belle 1986 beschuldigte der amerikanische Präsident Reagan den Libyer, das Attentat aus Rache für die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe durch US-Truppen angeordnet zu haben. Reagan ließ Tripolis und Bengasi bombardieren. Als 1988 über der Schottischen Ortschaft Lockerbie Unbekannte ein Flugzeug sprengen, wobei 270 Menschen sterben, fällt der Verdacht schnell auf Gaddafis Geheimdienst.

In den vergangen Jahren konnte Gaddafi die internationale Isolation durchbrechen, seinen Hang für exotische Auftritte abzulegen. Auf Auslandsreisen hielt er Hof im prächtigen Beduinenzelt. Als modebewusster Dritte-Welt-Führer wechselte er wie ein Rockstar mehrmals pro Auftritt das Kostüm. Mal erschien er in farbenfroher afrikanischer Tracht, mal als zeitgenössischer Kaiser Nero, mal als männliches Model für bizarre Diktatoren-Uniformen. Stets in seiner Nähe war die 40-köpfige ausschließlich aus hübschen jungen Frauen bestehende Leibgarde.

Der Bundestagsabgeordnete Günter Gloser (SPD) erinnert sich im Gespräch mit unserer Zeitung lebhaft an eine Begegnung mit dem eigenwilligen Machthaber. Als Staatsminister im Auswärtigen Amt nahm Gloser während der großen Koalition an einem Gipfeltreffen zwischen EU und Afrikanischer Union teil. Migrationsfragen standen auf der Tagesordnung.

„Irgendwann wurde die Sitzung unterbrochen. Wir mussten ein gebäude besichtigen, das die USA 1986 bombardiert hatten.“ Danach mussten sich die Gipfelteilnehmer in einem Zelt versammeln. „Irgendwann kam dann Gaddafi und hielt eine völlig wirre Rede. Sie gipfelte in dem Vorwurf, die Europäer seien selbst Schuld, wenn sie diese ganzen unausgebildeten Flüchtlinge aufnähmen. Dabei hatte er sich doch immer als Fürsprecher seiner afrikanischen Brüder und Schwestern geriert. Das ganze Schauspiel hat ungefähr zwei Stunden gedauert.“

Legendär sind Gaddafis cholerischen Ausbrüche bei den sich dahin schleppenden Sitzungen der Arabischen Liga – sehr zum Leidwesen der anwesenden Potentaten-Kollegen. Wutentbrannt fiel er 2009 dem Emir von Katar ins Wort, als dieser bekannt gab, der saudische König Abdullah werde die Liga beim G-20-Gipfel in London vertreten. Gaddafi hielt sich offenbar selbst für den geeignetsten Emissär und bedachte Abdullah mit einer Flut von Verwünschungen. Der König hänge am Gängelband der USA und habe nur Lügen hinter und das Grab vor sich. Als der Emir schließlich Gaddafis Mikrophon abschaltete, stürmte dieser als Protest aus dem Saal.

Auch im Umgang mit europäischen Spitzenpolitikern gab sich Gaddafi ungezwungen. Mit seinen unachahmlichen Auftritten ließ er selbst den lebenslustigen italienischen Renaissance-Fürsten Silvio Berlusconi blass wirken.

Beim Staatsbesuch 2006 in Rom stieg er in bunter Uniform aus dem Flieger. Wie einen überdimensionierten Orden an die Brust geheftet hatte er ein großes Schwarzweißfoto. Darauf abgebildet war ein kleiner von Soldaten bewachter weißhaariger Mann. Omar al-Mukhtar war ein Held des libyschen Widerstands gegen die faschistischen Kolonialherren und wurde von den Besatzern hingerichtet. In der Folge behandelte der Gastgeber den Besucher äußerst zuvorkommend. Der verzichtete im Gegenzug großmütig darauf, die italienischen Verbrechen während der Kolonialzeit zu thematisieren.
Ansonsten verstanden sich die in ihrer Eitelkeit ähnlichen „Kater“ prächtig. Berlusconi lud eine seiner zahlreichen Ministerinnen, das ehemalige Nacktmodel Mara Carfagna, zum gemeinsamen Diner ein. Und setzte auch den Programmpunkt „Gaddafi allein unter Frauen“ ins Werk. Einen Nachmittag lang traf sich der Oberst mit 700 Frauen aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zum Meinungsaustausch.

Die Liste denkwürdiger Auftritte und Aktionen des Despoten ließe sich unendlich fortsetzen: 2006 ordnet er nach Bekanntwerden der Hinrichtung des irakischen Machthabers Saddam Hussein eine dreitägige Staatstrauer an. 2008 nimmt die Genfer Polizei Gaddafis Sohn Hannibal wegen Körperverletzung vorübergehend fest. Die Folge ist eine ernste Krise zwischen Papas diplomatischem Corps und der Alpenrepublik. Mit seiner ersten Rede vor der UN-Vollversammlung sorgt Gaddafi für einen Eklat, als er aus der UN-Charta zitiert und aus Protest mehrere Seiten zerreißt.

Zum Ende seiner Herrschaft behauptet Gaddafi, die Demonstranten gegen ihn seien „stoned“. Die Drahtzieher der Proteste hätten die jugendlichen Protestierer unter Drogen gesetzt. Zuvor hatte er dem Topterroristen Osama Bin Laden unterstellt, die Menschen in Libyen manipuliert zu haben.

Doch hatte der Tyrann offenbar auch eine sensible Seite. 1995 veröffentlichte er sein belletristisches Debüt: „Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten.“ Enthalten sind zwölf Essays, die das sozial entwurzelte Leben in der Großstadt, die Größe der göttlichen Schöpfung und die Tyrannei der Massen thematisieren. Diese neigten dazu, ihre Führer in die Wüste zu schicken.

Sonntag, 18. September 2011

Vom einstigen Glanz bleibt nur ein Badetuch - Ein Rundgang über die Popkomm in Berlin

Musik ist in unserem Alltag präsenter als je zuvor. Durch handliche digitale Abspielgeräte ist der Lieblingssound ständig verfügbar. Bei den Tonträgerproduzenten selbst spielt die Musik aber schon lange nicht mehr – zumindest nicht in der Melodie klingender Münze. Die Plattenfirmen gemahnen an das römische Reich am Vorabend seines Untergangs: Der Glanz der Erinnerung blendet höchstens noch das innere Auge des Betrachters, die äußere Pracht ist vergangen. Das war auch auf der Musikmesse Popkomm zu beobachten, deren 22. Ausgabe von Mittwoch bis Freitag in Berlin stattfand. Der Stand der einzigen bekannten beim Branchentreff vertretenen Plattenfirma hatte die Größe eines Badetuchs.

Vor dem Hintergrund der technischen Umwälzungen seit der Jahrtausendwende und die von ihnen ausgelösten veränderten Konsumgewohnheiten hat sich auch die Messe aufs digitale Musik-Geschäft fokussiert und nach dem Neustart auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof zur reinen Fachbesucher-Veranstaltung entwickelt. Einen Publikumstag gab es im Gegensatz zu früher nicht mehr.

Das neue Konzept ging offensichtlich nicht auf. Nur 5200 Besucher verliefen sich laut Veranstalter in den ehemaligen Flughallen, in denen sich 400 Aussteller präsentierten. An vielen Ständen herrschte dauerhaft Besucherflaute. Einen Kontrast bildete lediglich der gemeinsame Standplatz von Österreich und der Schweiz. Hier herrschte dichtes Gedränge, obwohl beide Länder im Pop bisher nicht als stilprägend aufgefallen sind. Weiswein gratis.

Im vergangenen Jahr kamen noch allein an den beiden brancheninternen Tagen 7500 Besucher zur Popkomm. Am dritten, offenen Tag waren noch mal mehrere tausend Gäste erschienen. „Eines hat die diesjährige Popkomm verdeutlicht: Die Musikwirtschaft ist im Umbruch“, hieß es in der Bilanz der Veranstalter.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hätte es der Veranstaltung nicht erst bedurft: Seit dem Aufkommen von Musik-Tauschbörsen und der massenhaften Verbreitung von CD-Brennern seien die Umsätze der deutschen Musikindustrie bis 2009 trotz ständig steigender Musiknutzung um 40 Prozent zurückgegangen, gibt der Bundesverband der Musikindustrie bekannt.

Immerhin, nach zehn harten Jahren geht es der Branche in Deutschland inzwischen wieder etwas besser. Der Bundesverband ist optimistisch, dass der Markt im Download- und Mobiltelefonbereich bis 2013 auf das Doppelte wachsen wird. Geschäftsfelder wie Konzerte – der Live-Musik-Sektor boomt ohnehin –, Merchandising oder Videomitschnitte könnten dreimal so groß werden. Tonträger wie CDs nähmen dann lediglich noch ein Drittel des Gesamtmusikmarkts ein, heute stammen noch 80 Prozent der Musikumsätze aus deren Verkauf.

Im vergangenen Jahr ist der Umsatz aus Musikverkäufen noch mal um mehr als drei Prozent zurückgegangen – Schaut man auf England (minus 23 Prozent) oder Frankreich (minus 9 Prozent) hätte es die hiesigen Plattenproduzenten noch weit schlimmer treffen können. Ob die Musikindustrie die verlorenen Umsatzhöhen jemals wieder erklimmen wird, scheint also mehr als fraglich. Musikpiraten machen der Branche noch immer zuschaffen: Den Trend der letzten Jahre fortschreibend ist die Anzahl der illegal herunter geladenen Alben erneut drastisch gestiegen.

Dass die Vitalität der Musikszene dennoch ungebrochen ist, zeigte sich bei der Berlin Music Week, unter deren Dach die Popkomm ausgerichtet wurde. Über hundert Künstler und Bands aus Rock und Pop stellten sich in verschiedenen Clubs der Hauptstadt vor. Die Konzerte waren durchweg gut besucht. Für 2012 ist eine weitere Auflage der Popkomm geplant.

Montag, 22. August 2011

Wacken II: Die Schlacht ist geschlagen!

Abgekämpft, wie ein von den Hunnen geschlagenes Germanen-Heer der Völkerwanderungszeit, treten die 95000 Heavy Metal-Fans den Rückzug aus der schleswig-holsteinischen Provinz an. Drei Tage lang haben sie „lauter als die Hölle“ Party gemacht. Nun räumen sie erschöpft ihr Feldlager nahe dem 1800-Seelen Weiler Wacken und zerstreuen sich in alle Winde.

120 Bands sind unter dem Banner „louder than hell“ bis Sonntagmorgen auf dem Wacken Open Air (WOA) aufgetreten. Die letzten „Waackäääään“-Schlachtrufe verhallten um sechs Uhr früh als im „Headbangers Ballroom“ die Verstärker ausgeschaltet wurden. Höhepunkten des vielleicht größten aber sicher berühmtesten Heavy-Metal-Festivals der Welt waren die Auftritte von Ozzy Osbourne (wir berichteten), Motörhead und Judas Priest.

Auch die Shows deutscher Bands wie Kreator, Sodom oder den wiedervereinigten Knorkator wurden gefeiert. Zu den einheimischen Festival-Siegern gehörten auch Heaven Shall Burn. Dabei gaben die Thüringer nicht nur mittels ihrer hochoktanigen Mischung aus Hardcore und extremem Death/Thrash Metal mächtig Gas, sondern legten auch mit originellen Animationseinlagen den Turboschalter beim Publikum um.

Ob Sänger Marcus Bischoff wusste was er tat, als er mit den Worten, „es ist Zeit eure Frauen loszulassen und auf die Schultern zu nehmen“, die weiblichen Zuschauer zum Crowdsurfing – einer auf Rockkonzerten beliebten Sportart, bei der Fans von der Menge getragen werden – kann bezweifelt werden. Dafür sorgte er mit einer Flut von Frauen, die sich in den Bühnengraben ergoss, für einen der schönsten und ergreiffendsten Festival-Momente diesen Sommers.

Jedes Metal-Herz höher Schlagen ließen Judas Priest auf ihrer Abschiedstour. Sie gelten als eine der einflussreichsten Bands des Genres. : Lederklamotten, Motorräder auf der Bühne, donnernde Riffs, alle erdenklichen Attribute im Metal-Universum gehen auf Priest zurück. Die verwitterten Recken begannen ihre Zeitreise durch Jahre Bandgeschichte am Freitagabend mit dem programmatisch betitelten Doppelschlag „Rapid Fire“ und „Metal Gods“. Im Schnellfeuer-Rhythmus ließ Oberpriester Rob Halford metal-göttliches Ambrosia auf seine von allen guten Geistern verlassene Gemeinde herabregnen. „Never Satisfied“ vom ersten Album Rockarolla, selten gehörte Meisterwerke wie „Starbreaker“, eine Halbakustik-Version des frühen Hit „Diamonds and Rust“.

Kaum einmal blieb Zeit Atem zu holen. Halford selbst griff in den Pausen zur routiniert zur Sauerstoffflasche. Doch was soll´s, wenn der fast 60-Jährige auf diese Weise selbst die höchsten stimmlichen Höhen eines gesanglichen Mont-Blanc wie „Painkiller“ meistert. Während der meisten Momente an diesem Abend sind Priest mitreißend, in den besten magisch, wie etwa bei der großartigen Ballade „Beyond The Realms Of Death“ oder der komplett vom Publikum gesungenen „Breaking The Law“.

Einziger Wehrmutstropfen ist die Abwesenheit des kürzlich ausgestiegenen K. K. Downing dessen lichtschnelle Riposten die Gitarrenduelle mit Opponent Glenn Tipton erst so richtig beflügelten. Eine Flanke, die der neue Rekrut Richie Faulkner trotz aller Fingerfertigkeit nicht ganz zu schließen vermag.

Doch nun, wie der Engländer sagt, zu etwas völlig anderem: Lemmy. 24 warzige Karat Rock ´n´ Roll, mit seinem Whiskey gegerbten Organ quasi Halfords stimmliches Alter Ego, bellt der Motörhead-Sänger dem Publikum wie eh und je seine lasterhaften Hymnen entgegnen. Er ist die verflüssigte Essenz des Rock´n`Roll, gegossen in ein Paar hautenger schwarzer Jeans und weiße Cowboy-Stiefel. Verfestigt zum wandelnden Mittelfinger, der sich mit einem Patronengurt beringt jedweden Autoritäten und aller Gleichmacherei entgegengestreckt. Dafür lieben ihn alle Rockfans dieser Welt. Welche Songs Motörhead zocken und dass sie sogar ihr altes Spielzeug, eine Lichtanlage in Gestalt eines B-17-Bombers, der waghalsige Flugmanöver vollführt, mitgebracht haben, wird zur Nebensache.

Am Ende haben Lemmy und Co am Samstag eine weitere Schlacht gewonnen, aber der Krieg scheint noch lange nicht vorbei: Wenige Stunden nach Festival-Ende hat der Kartenvorverkauf für die Folgeveranstaltung begonnen. Am Montagmorgen um 00.45 Uhr - eine dreiviertel Stunde nach Vorverkaufsstart - waren die ersten 10 000 Tickets bereits weg.

Sonntag, 21. August 2011

Mach´s wie ein Psycho: Die Cross-Over-Vorreiter Suicidal Tendencies wirbeln auf dem Wacken Festival – Auch Ozzy Osbourne ist ganz der alte

Mächtige Stichflammen stoßen fauchend aus den Nüstern des riesigen weißen Stierschädels, der in schwindelnder Höhe zwischen den beiden riesigen Bühnen des Wacken-Open-Air hängt, dem größten Metal-Festival der Welt. Das Feuer wirft tanzende schatten auf das Meer schweißnasser Gesichter. Zehntausende flackernder Augenpaare sind auf die „Black-Stage“ gerichtet. Der Wind treibt die letzten verwehten Fetzen von Carl Orffs „O Fortuna“ bis in die hintersten Reihen.
„YEEEEEAAAAAAHHHH, YOU FUCKERS“, schreit die weinerliche und doch durchdringende Stimme. Jeder hier kennt sie. Tausendfaches tosendes Johlen ist die Antwort. Ozzy Osbourne, verschmiertes Make-up im Gesicht, den Mund im stummen Schrei verzerrt – oder einem stummen Lachen, wer kann das schon sagen – die auffallend großen Hände mit den schwarz lackierten Nägeln zur Seite abgespreizt. stolpert im charakteristischen Watschelgang auf die Bühne. „I can´t here you“, schreit Ozzy. Das Johlen schwillt zum Heulen. Ist der Mann gänzlich taub? Nein, aber nach vierzig Jahren im Rock-Geschäft weiß der „Madman“ wie man eine Festival-Menge nehmen muss: im Sturm.
“Crazy Train”, “Mr. Crowly”, “Suicide Solution”, Ozzy ballert aus allen Rohren. Seine runderneuerte Flakhelfer-Truppe um den griechischen Gitarristen Gus G funktioniert wie eine gut gedrillte Einheit funktionieren muss. Da kann sich der Chef die eine oder andere Feuerpause gönnen. Während „War Pigs“ einem der Hits seiner alten Band Black-Sabbath - mit der er in den 70ern kalte koksverschneite Klangipfel erklomm, bevor er in den 80ern eine nicht minder berauschende und berauschte Solo-Karriere begann – verschwindet der Chef mal für eine gute viertel Stunde aufs Klo oder ein Nickerchen machen. Die Helfer überbrücken die Zeit mit mehr oder minder inspiriertem Solo-Gegniedel.
Es stört die wenigsten. Für die Masse der Fans ist der Alkohol-getriebene Stimmungszug um diese Zeit (halb elf) ohnehin schon lange abgefahren und die meisten freuen sich, dass ihr Ozzy überhaupt noch lebt. Das der – sofern auf der Bühne – sich keine Mühe gäbe, lässt sich auch gar nicht behaupten. Ozzy vergießt Herzblut, Schweiß und vor allem Spritzwasser gleich kübelweise über die Menge. Und kann darüber hinaus aus einem Fundus an Songs schöpfen, der seinesgleichen sucht. Ja, Ozzy gehört zum alten Eisen, aber auch leicht rostiges Metall ist an diesem Donnerstag noch hart genug zum Schädelspalten.
Der von Mike Muir allerdings wird von einem tief über die Augen gezogenen Stirnband zusammengehalten. Es muss so sein, denn ohne den blauen Lappen um den Kopf hat den Sänger der Suicidal Tentencies, die freitagnachmittags auf der gleichen Bühne spielen, noch niemand gesehen. Anfang der 90er Jahre gehörten Muir, genannt Psycho Miko, und seine Band aus dem kalifornischen Venice Beach zur Avantgarde der Cross-Over-Bewegung. Damals wurde es unter Skateboard-Fahrern schick, harte Musik zu hören und plötzlich waren auch Metal-Heads auf vier Rollen unterwegs. Mit Platen wie „Lights, Camera, Revolution“ brachten Suicidal die potente Kreuzung aus Punk, Funk und politischer Agitation ans Licht der breiten musikinteressierten Öffentlichkeit.
„Do it the psyho-way“, fordert Miko von der Bühne herab, doch heute scheinen selbst Panzerglas durchschlagende Perlen wie „War Inside My Head“, „Join The Army“ oder “Pledge Your Alegiance” aber weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Der verrückte Miko vollführt seine verwirbelten Tanz-Kapriolen vor lichten Reihen. Zumindest die lassen sich zu erratischen „Su-I-Ci-Dal“ Sprechchören hinreißen. Zu Recht: In der Kombination von Po-Wackler und Nackenbrecher macht den „Suicidal“ so leicht keiner was vor. Und das obwohl Muir auch schon nachgelassen hat. Das Stirnband trägt er heute höher als früher.