Sonntag, 19. Juni 2011

Magische Männerfahrt ins Märchenland

Der Tag beginnt schon wie im Märchen: „In der bestellten Kleinwagen-Kategorie haben wir nichts mehr,“ sagt die Dame am Schalter der Autovermietung in Essen. Betretenes Schweigen. „Wir geben Ihnen stattdessen einen Z4!“

Hast du nicht gesehen sitzt der Schreiberkollege aus Thüringen strahlend wie Prinz Valiant hinterm Steuer des metallisch-blau glitzernden Roadsters. Kaum das Schloss gedrückt, lässt die 3-Liter-Maschine ein heiseres Knurren hören. Den bösen Golf müssen wir heute nicht mehr fürchten. Das steht so fest wie Schweinchen Schlaus Haus.

Und huiiie, schon düsen wir mit unserem fliegenden Koffer im Sonnenschein über die Autobahn Richtung Leverkusen. Dazu bringt uns David Bowie als der Thin White Duke ein Ständchen: „Let me fly away with you/ For my love is like the wind/ and wild is the wind/ Wild is the wind.“ Zwei Hänse im Glück.

Schneller als die gebratene Taube fliegt erreichen wir die Zieladresse: Märchenwaldweg 15, Altenberg. Unser Fortbewegungsmittel – inzwischen hört es gleich dem treuen Zossen der Pferdemagd auf den Namen Fallada – rollt auf einen riesigen grauen Parkplatz. Und nun? „Hier geht es zum Deutschen Märchenwald“, weißt der gestiefelte Kater mittels Schild den Weg.

Ein kurzer Fußmarsch führt über eine Brücke zu einem weis getünchten Wirtschaftsgebäude mit umlaufendem Balkon. Auf dem Dachfirst eine Wetterfahne in Gestalt einer Hexe, die auf einem Besenstiel reitet. Drinnen sitzt Detlev Kreber gerade beim Mittagessen – Spaghetti Bolo.

Kreber, 47 Jahre, mit seinem Kahlrasiertem Schädel dem Gladbacher Fußball-Urgestein Michael Frontzeck nicht unähnlich, ist Geschäftsführer des Märchenwaldes. Gleichzeitig Chefmechaniker, Hausmeister, Gärtner, Tierpfleger, Eis- und Ticketverkäufer - in Personalunion.

Es war einmal vor 26 Jahren, da kam der gebürtige Kölner während eines Ausflugs mit zwei Freunden hierher. Zunächst heuerte er als Aushilfe an, dann heiratete er die Prinzessin des Märchenlandes, Wilhelmine die Parkbetreibertochter. Seitdem hat sich der „kölsche Jong“ nicht nur zum Jägersmann und großen Liebhaber des bergischen Landes gemausert. Nein, auch das oberbergische Land sei, betont er, von besonderem Liebreiz.

„Jetzt schaut euch aber erstmal um“, beauftragt Kreber die Besucher. „Und dann probiert ihr unsere bergischen Waffeln. Spezialität des Hauses.“ „Belgische Waffeln?!“, fragt der unbedarfte Auswärtige nach. „Nein, bergische. Belgische sind aus Hefeteig mit Ei. Unsere dagegen werden nur mit Butter, Zucker und Mehl zubereitet. Außerdem haben sie eine Ecke mehr, sind dafür aber etwas dünner“, erklärt Kreber.

Mmmmh, klingt ganz nach Zuckerwerk, wie es der König isst. Aber zuerst die Arbeit, also los. Auf dem Vorplatz wartet der Esel streck dich. Mit 20 Cent kann man ihn füttern. Voll kindlicher Begeisterung entrichten wir den Obulus. „Iah, Iah“, schreit der Esel. Das war´s? Normalerweise funktioniert das Goldeselprinzip doch irgendwie anders. Offenbar ist Geiz nun auch hinter den sieben Bergen geil.

„Im Wald selbst brauchen sie keine Münzen mehr“, tröstet Kleber. Wir folgen dem sogenannten Märchenpfad. In Schaukästen, die kleinen Häuschen gleichen, sind die Märchen der Gebrüder Grimm in liebevoll arrangierten Szenen von teils bewegten Puppen dargestellt. Auf Knopfdruck ertönen Musik und ein Erzähltext. Nach fast dreißig Jahren gibt es für Hans ein Wiedersehen mit Hänschens Freunden: Der Gänsemagd, dem Froschkönig, Rosenrot, Schneewittchen nebst Zwergen.

Das Szenario verströmt naiven 60er-Jahre-Rummelplatz-Charme. Eine Wirtschaftswunder-Oase im Reiz-Trommelfeuer des Medienzeitalters. Manche Attraktionen wie Rumpelstilzchen oder Rapunzel erwachen erst auf Zuruf zum Leben. „Hier rufen, Rapunzel lass dein Haar herunter“, steht auf dem Schild. Schnell finden wir heraus, dass es nicht auf den Wortlaut ankommt. Ein gewöhnliches „Hallo“ funktioniert genauso wie beliebige Laute oder schlüpfrige Anrufe. Eine eintreffende Kindergartengruppe verhindert weitere „Dirty-Talk“-Experimente mit Rapunzel.

Nach Verzehr vorzüglicher bergischer Waffeln mit Kirschen und Sahne vom Märchen-Service, dazu ein im Zeitalter der Erlebnisgastronomie ausgestorben geglaubtes Kännchen Kaffee, mahnt die rotbackige Waffelbäckerin Wilhelmine Kreber – die einstige Prinzessin, Sie erinnern sich: „Ihr kommt doch gleich noch zu den Wasserspielen“. „Wasserspiele? Öh, ja sicher.“ Einer solch guten Fee des Waffeleisens kann man doch nichts abschlagen.

Punkt 15 Uhr, Gebrüder Grimm Gedächtnishalle: Zu den Klängen von Donauwalzer und Tschaikowskys Dornröschen öffnet sich der blaue Vorhang. Zu sehen gibt es laut Programm die „vieldimensionale Inspirations-Show aus Tanzenden Fontänen, magischen Licht-Farben und bezaubernder sphärischer Musik.“ Wilhelmine bedient weiß beschürzt die Wasserorgel.

Das technische Wunderwerk von 1956 besteht aus einem Dutzend Gardena-Sprinklern. In den Augen des fernsehverwöhnten Stadtkindes mag die Beschreibung also märchenhafte Übertreibung des Jahrhunderts sein, dem Kutlurpessimisten aber nötigt sie Respekt ab. Wer sich so etwas traut, dem kann keine Innovation der Unterhaltungsindustrie mehr etwas anhaben.

Der Augenblick, die Rückreise anzutreten, ist da. Zurück in den Medienalltag, die große Stadt, die Erwachsenenwelt. Einen kurzen Aufschub gibt es noch. Auf dem Parkplatz wartet die prächtige Fallada.

Der Beitrag erschien in gekürzter Fassung in der Braunschweiger Zeitung.

Dienstag, 31. Mai 2011

Schwere Kost: Dietmar Elflein hat ein dickes Buch über die musikalische Sprache des Heavy Metal geschrieben

Bsssssst...brrrrrrrz...wer hat nur wieder das Radio verstellt? Ssssssssd... ftftftfffft...“Rooooosamunde, schenk' mir dein Herz und sag jaaaaah...“...Brszbrsz...“Can you hear the drums Fernando?“...frzlfrzl...“Back in black, I hit the sack, I've been too long...“...ah, schon besser!

Ganz gleich ob Schlager, Pop oder Rock, wer sagt uns eigentlich, dass wir auf der richtigen Welle liegen, wenn wir auf der Jagd nach unserer Lieblingsmusik am Sender-Suchknopf drehen? Schließlich kennt kein Cowboy jeden Country-Song, kein Freizeit-Travolta sämtliche Disco-Hits und kein Janker-Träger alle Melodien der Volksmusik. Trotzdem weiß nach wenigen Augenblicken jeder, wo er richtig hört.

Die Klangsprache, mit der uns einzelne Stücke ihre Genrezugehörigkeit kundtun, erforscht der Braunschweiger Musik-Ethnologe Dietmar Elflein. Der 47-jährige lehrt populäre Musik am Seminar für Musik und Musikpädagogik der TU. In seinem Buch, „Schwermetallanalysen“, macht er sich an die Entschlüsselung eines besonders harten Zungenschlags: Heavy Metal.

„Hip Hop, Hard Core, Techno, Indie Rock, jeder dieser Begriffe löst bei mir musikalische Assoziationen aus“, sagt Elflein. „Ich erwarte nahezu zwingend, dass ein Techno Track bestimmte rhythmische, harmonische und klangliche Qualitäten sowie einen spezifischen zeitlichen Ablauf hat. Diese Erwartungshorizonte und Kompositionsmodelle interessieren mich.“

Akribisch hat Elflein Kompositionsstrategien, Strukturformen, Klangcharakteristika, Ensemblespiel und rhythmische Eigenheiten harter Rock-Musik untersucht. Als Forschungsgegenstand dienen ihm Bands, die das Genre geprägt haben. Grundlage sind Hitlisten in Musik-Magazinen. Elflein arbeitet also mit Platten, die Leute, die auf Heavy Metal stehen, mit auf eine einsame Insel nähmen. Ausgewählt hat er sie an Hand von Hitlisten in Fach-Magazinen. Anders gesagt: Elflein hat diejenigen Platten ausgewertet, welche Leute, die auf Heavy Metal stehen, mit auf die einsame Insel nähmen. Dazu gehören insbesondere solche von Black Sabbath, Judas Priest, Iron Maiden, Metallica, Megadeth und Slayer.

Nach tausenden Stunden Musikhören haben Elfleins Untersuchungen für Nicht-Metal-Adepten erstaunliches zutage gefördert: Die oft als dumpfe, Bier saufende Kopfschüttler in schlecht sitzenden Jeanswesten verschrieenen Metal-Fans sind musikalisch anspruchsvoller als Pop- oder Rockfans. Headbanger mögen keine konventionellen Vers-Chorus-Lied-Strukturen, präferieren eine größere Anzahl unterschiedlicher Riffs in einem Song und verlangen von ihren Helden eine virtuose Beherrschung ihrer Instrumente.

„In der Metal-Szene herrscht eine rebellische Grundhaltung. Man fühlt sich von der Außenwelt – oft zu Recht – als abschätzig beurteilt, und will es eben anders machen, sich abgrenzen“, erklärt Elflein die metallische Befindlichkeit.

Auf gut dreihundert Seiten liefert Elflein viele interessante Details, die er aus dem Traditionsstrom des Heavy-Metal gefischt hat: Die aus dem Blues abgleitete Reihenstruktur vieler Songs, die Entstehung des Power-Chords oder die Herausbildung und Stellenwert der in Tonlage und Klangfarbe oft extremen Singstimme.

En passant erklärt der Metalurge auch noch einige bandspezifische Schrullen: Die rhythmischen Feinheiten des „Iron-Maiden-Galopps“ etwa. Warum Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister recht hat, wenn er wie seit Jahrzehnten steif und fest behauptet seine Band spiele in Wahrheit klassischen Rock´n´Roll oder die Erfinder des langsam dahinfließenden Lava-Riffs, Black Sabbath, eine Vorliebe für den auch „Teufelsakkord“ genannten Tritonus hegten.

„Die ultimative Heavy-Metal-Formel kann ich Ihnen trotzdem nicht an die Tafel malen“, bekennt der Metalurge. „Aber ich würde schon sagen, dass verzerrte Gitarren, eine Dominanz der Rhythmik über die Melodie und ein virtuoses Schlagzeug dazugehören.“

Für den Fan und Genre-Kenner bringt die Lektüre wenig neues, aber zahlreiche Aha-Erlebnisse. Vieles ist einem beim Musik-Hören schon selbst aufgefallen, in worte fasen konnte man es aber nie. Musik-Laien werden vor allem die vielen Notentranskriptionen kaum etwas sagen, dazwischen findet sich aber noch genügend unterhaltsam und verständlich aufbereitetes Material zur Ehrenrettung einer oft belächelten Stilrichtung.

Mit seinen „Schwermetallanalysen“ hat Elflein auch außerhalb der Metal-Gemeinde Interesse weckt. Und das nicht nur in den Feuilletons der großen Tageszeitungen: „Seit das Buch draußen ist, bekomme ich häufig Einladungen zu Chemie-Kongressen.

Sonntag, 1. Mai 2011

Stil-Wirrsal mit Waltari

Gäbe es eine Skala von eins bis zehn, die den Verschmelzungsgrad verschiedener Musik-Genres anzeigte, die Klänge von Waltari hätten den Wert elf. Bei ihrem Konzert in der Meier Music Hall bedient sich die Band nahezu aller denkbaren - sowie undenkbaren - Stile der Rockmusik. Die Finnen kombinieren (oder sollte man sagen bastardisieren?) Elemente von Metal, Rap, Dancefloor, Industrial, Rock, Rap und Pop, klassischer sowie progressiver Musik.

Während der innovationsfreudigen 90er Jahre feierten Waltari mit diesem scheinbaren musikalischen Wirrsal, die sich bei genauerem Studium als Spiegel des Schellingschen Widerstreits zwischen apollinischem und dionysischem Prinzip, der Ordnung und dem rauschhaft alle Formen sprengenden Schöpfungsdrang, offenbart, regelmäßig Charts-Triumphe. Zu ihrer 25-Jahr-Tour kamen am Montag nur noch geschätzte 250 Anhänger.

Einerlei, in Stimmung gebracht werden die Anwesenden von Lord Bishop Rocks. Auch hier Crossover im Überfluss: Der schwarze Zwei-Meter-Hüne aus New York an der Gitarre liefert mit seinen zwei Mitstreitern eine eigentümliche Melange aus Heavy-Rock, Funk, Soul, nebst Politik, Drogen, Sex und Liebesbekundungen. Mit breitkrempigem bunten Hut und 70er-Zuhälterfummel legt er dabei einen ähnlich bizarren Bekleidungsstil wie Funk-Paradiesvogel Bootsy Collins an den Tag.

Die Show von Waltari steht dagegen zunächst unter keinem guten Stern: Angefangen beim schepprigen Sound wird das Quintett von mannigfaltigen technischen Problemen heimgesucht. Mal geht der Bass von Frontmann Kärtsy Hatakka nicht, mal versagt der Sender von Gitarrist Jari Lehtinen seinen Dienst. Wir haben hier "Technical Ecstasy", sagt Hatakka in Anspielung auf das gleichnamige Black Sabbath Album - für viele das schlechteste.

Doch die Band lässt sich nicht verdrießen, und spätestens beim poppig treibenden "Atmosfear" hat sie ihre Technik und auch das Publikum im Griff. Über üble Grindcore-Attacken ("Let's Get Crucified"), die Humppa genannte finnische Variante des Foxtrotts ("Piggy In The Middle") bis hin zu Kirmes-Techno ("So Fine!") geht die muntere Parforcejagd.

Jetzt hüpft Lehtinen quietschfidel das Drumpodest rauf und runter, Keyboarder Janne Immonen nutzt den Trockeneis-Nebel, um "unauffällig" eine zu rauchen. So sind die Finnen. Ein Scheinwerferstrahl lässt Kärtsy Hatakkas Gesicht wie das des Comic-Schurken Two Face aussehen. Apoll und Dionys in einer Person. Als Rausschmeißer gibt es Madonnas Kieks-Hymne "Vogue". Das ist genau, was man von einer Metal-Band erwartet - aber nur, wenn sie Waltari heißt.

Dieser Text erschien am 27.4. in der Braunschweiger Zeitung.

Samstag, 16. April 2011

Rock vom netten Mitbewohner

„Ich hab dich immer geliebt / aber eben auf ne' ruhige Art und Weise“, singt Bosse in seinem Song „Liebe ist leise“. Am Schluss heißt es da: „Liebe ist kein Rock'n'Roll“.

Diese Zeilen sagen viel aus über Axel Bosse. Der gebürtige Braunschweiger pflegt eine Art Wohngemeinschafts-Rock. Der ist zwar nicht gerade eindimensional, eckt aber auch nirgends an. Bosse ist – wie sagt man heute? – breit aufgestellt: In der seit Wochen ausverkauften Meier Music Hall drängen sich Indie-Mädchen in Leggins und Strickjacken genauso wie zum Sonntagskaffee bei den Eltern rausgeputzte Wirtschaftsingenieure.

Sicher, es gibt Leute, die der Ansicht sind, respektabler Rock'n'Roll sei keiner – aber jetzt mal ehrlich: Wer will sich mit den Sexpistols dauerhaft eine Butze teilen? Bosse dagegen ist gleichsam der Typus Mitbewohner, der ständig zusammen kochen will. Manchmal nervt das – besonders wenn man gerade mehr Lust auf Dosenbier und schmutzige Filme hat –, aber dafür hört er zu, wenn mit der Freundin mal wieder Stress ist.

Bosse weiß genau, wie er rüberkommt, und versucht gar nicht erst, einen auf coolen Hipster zu machen. Sein graues Schlabber-Shirt betont die schnell größer werdenden Schweißflecken, und als er sich von den überschwänglichen Publikumsreaktionen enthusiasmiert zu einem „Rockstar-Yeah“ hinreißen lässt, muss der Axel selber lachen.

Unterschätzen sollte man den Künstler Bosse aber keineswegs. Zeilen wie „Ich stell alles in Frage / nur nicht ein Wort aus deinem Mund / Steh ich besoffen im Regen / bist du die Nachtapotheke“ sind so bestechend einfach wie schön. „Sommer lang“, vorgetragen im Duett mit Valeska Steiner von der Vorgruppe Boy, ist gar so ergreifend, dass es Augen-Inkontinenz auslöst.

Das Übrige tut die klasse Band. Jenseits vom üblichen Indiepop-Einheitsbrei fahren die Musiker eine Vielzahl von rhythmischen und klanglichen Variationen von NDW über No Wave bis Soul auf.

Fazit: Es muss nicht immer weh tun, um schön zu sein. Bosse berührt manchmal an komischen Stellen, aber er berührt.

Schlager ist auch nur Heavy Metal

„Schenk mir einen Stern“, wünscht sich Schlagersängerin Andrea Berg in einem ihrer Lieder. Ich als Bewohner des Planet Rock, die Schuhe spitz, die Jacke aus Leder, die Trommelfelle gegerbt von Motörhead und Black Sabbath, bin da erstmal überfordert. Zwischen dem Bergschen Liebesuniversum und der Raumkapsel von Ziggy Stardust liegen schließlich Galaxien. Oder nicht?
An der Absperrung vor der ausverkauften Volkswagen-Halle in Braunschweig stapeln sich leere Getränkebehälter. Ein von Festivals geläufiges Bild. Nur sind es hier Proseccöchen statt Bierdosen. Drinnen laufen Menschen mit blinkendem Kopfschmuck umher. Man kennt das von AC/DC-Konzerten, auch wenn es heute flokatibewehrte Hasenohren statt Teufelshörner sind. Der Altersdurchschnitt liegt zwanzig Jahre unter dem einer Rolling Stones-Show – die Frauen sind nur ordentlicher nagezogen, vielleicht sogar hübscher.
Plötzlich ein Glockenschlag, „Hells Bells“? Nein, nur der Saalgong. Das Licht verlischt, der Vorhang hebt sich. Die weiß gewandete Band spielt in einer Art orientalischem Palast-Ambiente, von der Decke schwebt im überdimensionalen Vogelkäfig eine Geigerin, in einer Nebelwolke entsteigt dem Boden des Laufstegs in der Hallenmitte: Andrea Berg. Kiss machens genauso.
Die Haare rot, die Beine lang, ist die 45-Jährige im kurzen bunten Wickelkleid gewohnt sparsam gekleidet. Berg geht gleich in die vollen: Hits wie „Kilimandscharo“, „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ und „Du hast mich tausendmal belogen“ bringen die Fans in Wallung.
Richtig heiß wird es, als sie, nur in ein aus schmalen Lederkrawatten lose zusammengeschnürtes Nichts gehüllt, mit der Harley auf die Bühne fährt. Da kann der Erfinder des Motorrad-Effekts, Judas Priester Rob Halford, schon rein körperlich nicht mithalten. Textzeilen wie „Ein Tag mit dir im Paradies ist mir die Hölle wert“ erwachen da so richtig zum Leben.
Ok, die ganz harte Tour fährt Andrea Berg nicht. Ihre Musiker stellt sie als „süße Schnuckelchen vor“, in den Ansagen ist viel von Liebe die Rede und auf Dauer nervt der ewig gleiche Discofox-Rhythmus. Irgendwie fehlt dem Schlager halt doch die rebellische Note. Obwohl, als im Jugendzimmer mal lautstark Frank Zanders „Oh Susi“ lief, forderte mein Vater, „mach den Mist leiser“.