Dienstag, 13. November 2012

It´s the Pentagram, stupid! - Zweitausend blutende Ohren: Hammer of Doom VII, 10. Nov., in Posthalle Würzburg



Warum gehen wir überhaupt noch auf Konzerte? Warum fahren wir oft hunderte Kilometer, um in überfüllten, schlecht belüfteten Räumlichkeiten lustlosen Musikern bei der Arbeit zuzuschauen? Uns von schlechtem Sound die Ohren und überteuertem Bier die Leber kaputtmachen zu lassen? Weil wir hoffnungslose Nostalgiker sind! Weil wir verzweifelt jenem Glücksgefühl nachjagen, das uns übermannte, als wir das erste mal eine Rockband in ihrer ganzen Pracht und Glorie auf einer Bühne erlebten. Der Euphorie, in die wir kraft eines manisch vorgetragenen Gitarrensolos verfallen, dem sabbernden Delirium, in das uns eine perfekt synchronisierte Rhythmussektion versetzt, dem Erregungszustand, in den wir geraten, wenn uns ein Sänger, der die Trompeten von Jericho verschluckt zu haben scheint, ordentlich den Marsch bläst. Tja, und ganz ganz manchmal ist diese Jagd sogar von Erfolg gekrönt. Wie beim Hammer Of Doom VII am vergangenen Samstag in Würzburg.
Doch alles der Reihe nach. Bei Eintreffen am späten Nachmittag begrüßten uns die Schweden von Horisont, die mit ihrer räudigen Mischung aus Black Sabbath und Schweinerock durchaus Laune machten. Mit dem eintönigen Gegrummel der von vielen Kollegen hochgehandelten Necros Christos aus Berlin konnte ich hingegen weniger Anfangen. Allerdings litt der ultra-doomige Death-Metal des Quartetts auch unter dem arg mumpfeligen Sound. Solides Doom-Metal-Handwerk für den Hausgebrauch irgendwo zwischen Candlemass und Revelation lieferten Solstice – nicht mehr, nicht weniger.
Ganze Bäche von Rührungstränchen schickten dann die Ex-Trouble-Kumpane Eric Wagner (v.) und Ron Holzner (b.) über so manche bärtige Wange anwesender Zeitlupen-Jünger. Psychedelische Doom-Schoten wie “Bastards Will Pay”, “Another Day” oder “Plastic Green Head” hat man live schließlich schon länger nicht mehr vorgesetzt bekommen. Warum der alte Druffi Wagner, der seinen Abgang bei Trouble 2008 immerhin damit begründete, mit dem Tourleben nicht mehr klarzukommen, jetzt mit dieser Spin-Off-Combo unterwegs ist, während seine Ex-Kollegen Rick Wartell und Bruce Franklin unter altem Namen mit Exhorder Schreihals Kyle Thomas im Studio rumblödeln und Langzeitdrummer Jeff "Oly" Olson abseits auf die Reunion des Original-Lineups wartet, muss man als Fan nicht verstehen. Egal, schön war´s trotzdem.
Jetzt also: Pentagram. Keine Frage, „Relentless“ ist ein Referenz-Werk des Doom-Genres. Auch hatten die derzeit aktiven zwei Drittel der klassischen Traumbesetzung, Sänger Bobby Liebling und Gitarrist Victor Griffin (Langzeit-Drummer Joe Hasselvander fehlt leider), in diesem Sommer im Rockpalast eine mehr als ordentliche Performance abgeliefert. Aber bei einer tragikomischen Figur wie Liebling, die sich im elterlichen Keller bald vierzig Jahre lang das Hirn mit Crack frittiert hat (wie in der Doku „Last Days Here“ von Don Argott, Demian Fenton zu sehen), weiß man schließlich nie.
Letzte Zweifel waren auch nach den beiden Openern nicht ausgeräumt. Die Spannung nach den beiden schon so früh verpulverten unumschränkten Kult-Songs „Death Row“ und „All Your Sins“ – ersterer mit einem Monster-Riff ausgestattet, zweiterer nicht minder wirkmächtig – hoch zu halten, würde schwer.
Doch nix war´s mit Langeweile! Während sich vorm heimischen Plattenspieler angesichts der auf Dauer doch etwas schablonenhaft anmutenden Pentagram-Kompositionen nach geraumer Zeit eine leichte Verdrossenheit breit macht, brannten Liebling und Griffin, unterstützt von einem ordentlich  reinhauenden Sean Saley und stoisch vor sich hin wummernden Greg Turley, ein wahres Feuerwerk ab.
Der mittlerweile mit einer ordentlichen Plauze ausgestattete Liebling (vielleicht sollte er doch wieder ein paar Drogen nehmen) grimassiert sich schmutzig gestikulierend durch den Set. In seinem Äußeren gleicht der 58-Jährige einem augenrollenden, Haare raufenden Hybrid aus Vincent Price und Catweazle, in seinen fahrigen Bewegungen abwechselnd Gollum und Kermit dem Frosch.
Der alte Schrat in seiner nieten-glitzernden Lederjacke liefert zweifellos eine tolle Show und intoniert besser als mancher Altersgenosse, der sich in seinem Leben weniger Exzesse zugemutet hat, aber ohne den gottgleich aufspielenden Griffin wäre er wohl nur die Hälfte wert. Wie ein Paganini des Doom Quält der Saitenhexer sein Instrument ohne unterlass. Lässt es unter rhythmischen Hieben lauthals aufjaulen, nur um es gleich wieder mit stählernem Griff zu strangulieren, zu biegen, zu dehnen, ja zu demütigen. Griffin spielt nicht, er kämpft Gitarre. „Jahhh, jaaahhh, das ist Heavy Metal“, schreit mir mein Nachbar feucht ins Ohr. Recht hat er. Ein Griffin in solcher Form nimmt es mit der gesamten True-Metal Armee auf und gewinnt die Schlacht im Alleingang.
All das wirkt um so schwerer, als der Gitarrist heute seine letzte Pentagram-Show spielt. Zukünftig will er seine Solo-Karriere weiterverfolgen. Er hinterläst einen mit dem roten Saft aus zweitausend blutenden Ohren und tausend blutenden Herzen kniehoch überschwemmten Saal. Ein Denkwürdiger Abend.

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