Samstag, 25. Dezember 2010

Lemmy zum 65sten

„Wenn Du lange genug am Fluß sitzt, siehst Du irgendwann die Leiche deines Feindes vorbeischwimmen“, lautet ein Chinesisches Sprichwort. Ian Fraser Kilmister, genannt Lemmy, ist zwar sicher kein Chinese, sondern Brite durch und durch, aber auf die Karriere des legendenumwobenen Frontmannes der berüchtigten Rock`n`Roll-Band Motörhead, der am 24. Dezember seinen 65 Geburtstag feierte, passt der Spruch bestimmt.
„Uns gibt´s schon vier Jahre länger als das Dritte Reich“, sagte Lemmy 1991 von seiner Band. In allzu beengten Kategorien zu Denken, kann man dem Mann also nicht vorwerfen. Nun sind es schon 23. Im Jahr 35 „on the Road“ legen die Veteranen ein gelungenes zwanzigstes Album vor (The Wörld is Yours). Zeit, zu Fragen, wie zur Hölle es überhaupt so weit kommen konnte.
Geboren wurde Kilmister 1945 als Kind mit abstehenden Ohren eines Feldkaplans der Royal Air Force und einer Bibliothekarin. Umstände, die prägend sein sollten. Eigen sind ihm bis heute eine unbändige Abneigung – der Vater ließ die Familie im Stich – gegen alles Religiöse und jedwede Heuchelei, ein unstillbares geschichtliches Interesse am zweiten Weltkrieg und eine große Liebe zu Büchern.
Beflügelt von der Rock´n´Roll-Revolution der 50er erschloss sich Lemmy, wie er seit seinem zehnten Lebensjahr gerufen wird, bald weitere Interessensfelder: „Ich habe rausgefunden, dass man Frauen dazu bringen kann, ihre Klamotten auszuziehen, wenn man eine Gitarre hat. Und die Hüllen fallen sogar noch schneller, wenn man auf der Gitarre auch spielen kann.“
Nachdem den Umgang mit beiden in diversen Bands verfeinert hatte, zog Lemmy Kilmister ins Swinging London der 60er Jahre. Dort jobbte er als Roadie für Jimi Hendrix, was seinen Horizont enorm erweiterte. Sowohl in musikalischer Hinsicht, als auch was den virtuosen Umgang mit Drogen angeht, einem Hobby, dem er bis ins hohe Alter fröhnen sollte. Die Hendrix-Crew, erinnert er sich in seiner Biographie „White Line Fever“, sei mitunter so high gewesen, dass man einige Mitglieder dabei Beobachten konnte, wie sie im Park mit den Bäumen sprachen. „Manchmal kam es sogar vor, dass die Bäume die Diskussion für sich entschieden“.
Nach einem Zwischenspiel bei den verrückten Spacerockern Hawkwind („Silvermachine“), gründete Lemmy 1975 Motörhead. Ein Powertrio wie die Experience oder Cream. Das stilistisch an die wütenden Polit-Rocker MC5 angelehnt sein sollte. Mit anderen Worten: „Lauter, schneller, rauer, arroganter, paranoider Speed-Freak-Rock´n´Roll.“
Mit dieser Blaupause, flankiert von zwei Straßenkumpels, dem Speed-Dealer Philthy „Animal“ Taylor am Schlagzeug und einem Hippie namens „Fast“ Eddie Clark an der Gitarre, stieg Lemmy zwischen 1977 und 1981 mit der Albumtrilogie Overkill, Bomber und dem opus magnum Ace Of Spades, noch gekrönt vom Nummer-1-Live-Album No Sleep ´till Hammersmith, zum Superstar auf.
Danach konnte es nur in eine Richtung gehen - vorerst: „Was sollte man nach einem Livealbum, das es auf Nummer eins geschafft hatte, noch bringen? Wir waren am Arsch, augenblicklich.“ Es folgten zahlreiche Besetzungswechsel, unzählige Todsagungen durch die Presse – wie soll man auch eine Band über den grünen Klee loben, die von sich selbst behauptet, wenn sie neben an einziehe, stürbe dein Rasen? – und noch mehr Comebacks.
Momentan ist es mal wieder so weit: Motörhead spielen in großen Hallen, der Dokumentarfilm “Lemmy: The Movie” feierte vor kurzem in Berlin Premiere (erscheint am 13. Januar auf DVD), selbst eine Sammlung der originellsten Sprüche des Heavy-Metal-Urgesteins, „Lemmy Talking“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010), kam heraus.
Was hat es mit dem späten Erfolg auf sich? Gehen die Leute aus denselben Gründen zu einer Motörhead-Show, die sie auch in Dinosaurier-Ausstellungen treiben? Eine Mischung aus naturhistorischem Interesse und Sensationsgier? Oder liegt es daran, dass sich Lemmy um die Jeansjacke als Kulturphänomen und das Fortbestehen der Weiße-Cowboystiefe-Industrie besonders verdient gemacht hat?
Fest steht, dass Motörhead in ihrer Kompromisslosigkeit und ihrem unerschütterlichen Glauben an die Kraft der Rock´n´Roll-Musik der kleinste gemeinsame Nenner von Punkern, Rockern und Metal-Fans sind, also quasi Völkerverbindenden Charakter haben. Darin sind sie allenfalls AC/DC vergleichbar.
Heute könne „niemand verstehen, wie schlimm es vor dem Rock´n´Roll war! Ich meine, bevor wir laute Musik hatten, gab es für uns nur Frank Sinatra, Lita Roza, Ronnie Carroll und Dickie Valentine“, sagt Lemmy. Diese albtraumhafte Erfahrung scheint für ihn der Antrieb zu sein, niemals aufzugeben.
Somit ist dieses in Whiskey konservierte Denkmal des Hedonismus der einzig verbliebene Rock´n´Roller von echtem Schrot und Korn. Gut, es gibt noch Keith Richards, aber selbst dem Rolling Stone hat der Motörhead noch was voraus: Inspiriert von Berichten, der ähnlich feierfreudige Richards lasse regelmäßig sein Blut austauschen, habe er dies ebenfalls versuchen wollen, erzählt Lemmy. „Wir suchten also meinen Arzt auf und ließen mein Blut untersuchen. Als wir am nächsten Tag wiederkamen, sagte er mir: „was immer Sie tun, lassen Sie nicht ihr Blut austauschen – sauberes blut würde Sie umbringen!“ Mein Blut hatte sich in eine Art Bio-Suppe verwandelt – darin waren alle möglichen Spurenelemente zu finden.“
Bleibt zu hoffen, dass die eigene Vorhersage des Rock´n´Roll Mutanten Lemmy, „ich spiele, bis ich siebzig bin. Dann falle ich tot von der Bühne“, nicht eintritt. Er lebe das Leben eines 25-Jährigen, es sei eben nur ein sehr ausgedehntes 25. Lebensjahr, sagte er mal sinngemäß. Stellen wir uns also einfach vor, dass er langsam auf die 30 zugeht.

Montag, 20. Dezember 2010

Saint bleibt Saint, wie er singt und kracht

Bei Alltagsrock-Benutzern wird der Name Saint Vitus kaum mehr als ein Schulterzucken auslösen, anderen wird vielleicht ein an Kiosken erhältlicher Kräuterbitter in den Sinn kommen. Doom-Aficionados hingegen, versetzt sein Klang in den Zustand höchster Verzückung. Allerdings scheint diese Unterart der Gattung Heavy-Metal-Fan in der Region Braunschweig vom Aussterben bedroht. Nur knapp zweihundert vorwiegend männliche stark behaarte Exemplare versammelten sich am Sonntag, 19. Dezember, in der Meier Music Hall, um dem Schutzheiligen des Tanzes zu Huldigen.
Nun ist es für die 1979 in Los Angeles gegründete Band, die mit anderen wie Pentagram, Trouble oder The Obsessed zu den Vorreitern der zweiten Doom-Metal-Welle gehört – die erste bestand bekanntlich allein aus Black Sabbath, an deren düster schwerem schleppenden Sound sich diese Gruppen Anfang der 80er orientierten – nichts neues, mit Erfolglosigkeit geschlagen zu sein, ein wenig mehr Aufmerksamkeit wäre allerdings angemessen.
Zurück zum Geschehen: The Graviators übernehmen den Part der Anheizer. Mit raffiniert monotonem Psychedelic-Rock gelingt es den Schweden im nu, das Publikum aus der winterlichen Apathie zu reißen. Sänger Niklas Sjöberg überzeugt mit starker ein wenig an Ozzy Osbourne erinnernder Stimme und typisch nordischer Trinkfestigkeit: 6 Bier kippt der Mann während des Auftritts und fungiert danach noch als Drumroadie für die Hauptband.
Die Altmeister selbst beginnen hingegen etwas, ähem, schleppend. Die Band um Sänger Scott „Wino“ Weinrich, einem der unbesungensten Helden des Genres, das er neben Saint Vitus mit unzähligen anderen Bands wie The Obsessed, Spirit Caravan, Place of Skulls, The Hidden Hand, und zuletzt als Solokünstler sowie mit dem All-Star-Projekt Shrinebuilder geprägt hat, und Saitenhechser Dave Chandler, der mit Stirnband und Waldschratfrisur wirkt wie aus der Zeit gefallen, präsentiert sich spielerisch deutlich besser als auf der letztjährigen Tour. Das liegt vor allem an Chandlers offensichtlich wieder gewonnener geistiger und körperlicher Frische, als auch am neuen Trommler Henry Vasquez, der den zuletzt arg von gesundheitlichen Problemen gezeichneten und kürzlich verstorbenen Armando Acosta würdig vertritt. Trotzdem will der Funke nicht so recht überspringen. Lustlosigkeit auf und vor der Bühne.
Nach ein paar Songs gelingt es Saint Vitus aber schließlich, sich an den eigenen langen Haaren aus dem Sumpf der Depression zu ziehen. Wino reckt die tätowierten Fäuste gen Himmel und röhrt wie ein verwundeter Hirsch. Chandler wiegt wie im Fieber den Oberkörper und verfällt in seine typischen wahnhaft geschredderten Gitarrensoli. Selbst dem stoischen Mark Adams am Bass entkommt ein Lächeln. Die Fans taumeln zunehmend im Veitstanz umher. Die Setlist ist unwiderstehlich. Sie glänzt mit selten gehörten Perlen aus den Tiefen des Backkatalogs. Sich in Zeitlupe heranwälzende Unheilshymnen wie „Mystic Lady“, „White Stallions“, „Look Bhind You“ oder gar „Saint Vitus Dance“ und natürlich der Evergreen "Born Too Late" lassen das Herz langsamer Schlagen. Gleich ganz aussetzen will es, als Saint Vitus einen neuen Song (!) ankündigen, der sich nahtlos zwischen die Großtaten vergangener Tage einfügt und obendrein auf einem neuen Album (!!) veröffentlicht werden soll.
„Wir haben sechs oder sieben Songs zusammen“, erklärt Wino nach einem doch noch großartigen Konzert. „Wenn alles glatt geht kann die Platte in der zweiten Jahreshälfte 2011 erscheinen.“ Die Probleme mit Chandler, die 1991 zum Split führten, seien schon vor der ersten Reunion 2003 ausgeräumt worden, beteuert der Harley-Fan, der zuhause gerade an einer alten Shovel- und einer Panhead herumschraubt. „Aus irgendeinem Grund interessieren sich die Leute inzwischen wieder für Classic-Rock. Warum weiß ich nicht, vielleicht liegt´s am Internet, dass uns junge Fans wieder entdecken. Also macht eine Veröffentlichung Sinn. Trotzdem mache ich das nicht des Geldes wegen, sondern weil ich diese Musik liebe und den Menschen eine Freude machen will.“ Alles andere würde angesichts des gestrigen Publikumsinteresses ganz ofensichtlich auch überhaupt keinen Sinn machen.

Der Text erschien am 21.12.2010 in der Braunschweiger Zeitung.

Montag, 13. Dezember 2010

Metal-Messe mit Motörhead in Hannover

Sie sind laut, sie sind hart und sie bringen Geschenke: Motörhead, die legendäre Rock´n´Roll-Band, geht traditionell in der Vorweihnachtszeit auf Deutschland-Tour. Am Mittwoch, 1. Dezember, spielten sie in der AWD-Halle Hannover vor vollem Haus. Echte Motörheadbanger lassen sich von Lapalien wie Schneetreiben eben nicht abhalten.

Denn die Gruppe ist so etwas wie die katholische Kirche des Hardrock: Der älteste institutionelle Hüter einer Weltanschauung. Hier die Musik, dort die Religion - die Übergänge sind fließend, die Parallelen offensichtlich.

Augenfällig ist nicht nur der Geburtstermin von Sänger und Oberhaupt Ian "Lemmy" Kilmister: Heiligabend. Analog auch die etwas anachronistische Organisationsstruktur als Power-Trio, dem als Trinität von Gitarre, Bass und Schlagzeug in den 60er Jahren populär gewordenen Bandformat.

Ebenfalls entsprechend ist das für eine Rockband biblische Alter. Die aktuelle Platte The Wörld Is Yours ist Album Nummer 20, entstanden im 35. Bandjahr und veröffentlicht kurz vor Lemmys 65. Wiegenfest.

Doch kein Grund zur Sorge: Der Mann in Schwarz, wie immer in Hemd, engen Jeans und Cowboystiefeln, kann seinen Schäfchen auch kurz vorm Rentenalter noch kräftig die Leviten lesen. Mit Verve eröffnen Hochwürden Lemmy und seine Messdiener, Gitarrist Philip Campbell (49) und Trommler Mikkey Dee (47) ihre 90-minütige Messe.

Choräle werden keine gesungen: "We Are Motörhead" heißt selbstbewusst der erste Song, ein feurig galoppierendes Rockmustang aus der jüngeren Bandgeschichte. Die nimmt bei der Liedauswahl überhaupt erstaunlich großen Raum ein. Mit ganz neuen Titeln wie "Get Back In Line" und "I Know How To Die" - gern hätte man vom neuen, den herrlich räudigen Metal-Rock-Charme der Orgasmatron-Tage versprühenden Album mehr gehört - entstammt ein Drittel der Songs dem neuen Milemmyum, Verzeihung Millenium.

Für manche Rock-Pharisäer ist das, als würde in der Sonntagsschule statt der guten alten Genesis plötzlich nur noch das jüngste Buch der Bibel, das Buch Daniel, gelesen. Doch wer will ewig den gleichen Sermon hören?

Noch mehr Abwechslung wäre gut gewesen. Zum Beispiel die kürzlich für Bierwerbung eingespielte Blues-Version des Evergreens Ace Of Spades. Aber vielleicht wäre das zu revolutionär für so eine altehrwürdige Institution, auch wenn sie Motörhead heißt.

Erschienen in der Braunschweiger Zeitung, 3. Dezember 2010, Kultur, Seite 16.

Freitag, 17. September 2010

Neues Substage Eröffnet

„Es roch nach Tot, Blut und Schwein“, schildert Matthias Würz seine Eindrücke von der ersten Begehung des Schlachthauses. Wo vor zwei Jahren noch Schweinehälften an Fleischerhaken aufgereiht hingen, hält der Architekt am Dienstag vor vierhundert Gästen seine Rede zur Eröffnung des neuen Musikclubs Substage. Dessen Wiedererstehung auf dem Gelände des Kreativparks Alter Schlachthof an der Durlacher Allee er nach dem Auszug aus der alten Unterführung am Ettlinger Tor mitgestaltet hat. „Damals habe ich nur gedacht, wie sollen wir je diesen bestialischen Gestank aus dem Gebäude kriegen“, sagt Würz. „Denn die Bausubstanz war buchstäblich blutgetränkt.“
Heute erinnern nur noch einige weiße Fliesen an den Wänden im Innenraum des denkmalgeschützten Gebäudes an seinen ursprünglichen Zweck. Das Ambiente ähnelt in seinem Rohbaucharakter vielmehr dem unterirdischen Charme des alten Clubs. „Wir haben versucht so viel wie möglich von der Atmosphäre herüberzuretten“, sagt Geschäftsführer Gérald Rouvinez-Heymel. Das ist besser gelungen als Man erwarten konnte. Gäbe es auf der Bühne nicht Kopffreiheit für die Musiker, im Publikumsraum freie sicht für alle und eine Dreimal so lange Theke, ein Unterschied ließe sich kaum feststellen.
Revolutionäre Neuerungen gibt es auch, sie finden sich aber eher im Verborgenen: Anheimelnde Garderoben mit Waschräumen für die Künstler - Allein die Sofagarnitur aus dem alten Backstagebereich hat aus Ersparnisgründen eine Schonfrist bekommen und müffelt in einer Ecke selbstzufrieden vor sich hin - und wohlriechende Toiletten mit Handtrocknern von so futuristischem Design, dass sie erst nach eingehender Untersuchung als solche zu erkennen sind, für die Besucher.
Tausend Konzertgänger kann die neue Spielstätte aufnehmen, dreihundert mehr als zuvor. Am musikalischen Konzept wollen die Macher dennoch nichts ändern. „Wir werden ein Indie- und Rockschuppen mit Metaleinschlag bleiben“, verspricht Vivien Avena, zuständig für Künstlerengagements und Pressearbeit. „Der Unterschied besteht eigentlich nur darin, dass wir für größere Konzerte, wie das von Subway to Sally am Samstag, nicht mehr in eine fremde Halle ausweichen müssen.“ „Auch die Konzerte mit bewährten Stammkünstlern wie Hendrix-Imitator Randy Hansen oder die Ü-30 Party, wird es weiter geben“, ergänzt Rouvinez Heymel.
Ganz sorgenfrei sind die Substage-Macher aber auch am neuen Standort nicht. „Der Unterhalt wird natürlich teurer sein als im alten Club“, erklärt Tontechniker und Vorstand Andreas Schorpp. So seien zum Beispiel die Heizkosten eine bisher unkalkulierbare Größe. Heute aber herrscht bei allen Beteiligten Freude und Stolz auf das Erreichte. Zwei Millionen Euro hat der Umbau gekostet, den Löwenanteil schoss die Stadt Karlsruhe zu. Zusätzlich haben die Substageler aber 5000 Arbeitsstunden in ihr neues Heim investiert. „Von der Thekenkraft bis zu den Sicherheitsleuten haben alle auf dem Bau mit angebackt“, erzählt Schorpp. „Ich bin einfach nur froh, heute hier zu sein und niemand bohrt“, sagt Heymel. „Jetzt gibt es endlich Musik!” Selbst Karlsruhes Oberbürgermeister Heinz Fenrich ließ sich von der allgeminen Hochstimmung infizieren. Ungeahnte Coolness bewies er während seiner Eröffnungsrede, als er seine Zukunftswünsche für das neue Substage in das Neil Young Zitat kleidete: „Rock N' Roll Will Never Die".

Freitag, 3. September 2010

Gisbert zu Knypphausen im Nexus Braunschweig

Mehr als zweihundert Meter vor dem Braunschweiger Nexus stehen die Fahrräder schon dicht gedrängt entlang der Frankfurter Straße. Auf der Rampe vor dem Club warten die Menschen wie gequetschte Trauben – Einlass nur nach Voranmeldung. Auch drinnen an der Bar und im Raum mit der Bühne ist es brechend voll. Erwartet wird der Auftritt von Gisbert zu Knyphausen, neuer Stern am wolkenverhangenen Himmel der deutschen Liedermacher.
Bevor sich der Freiherr – voller Name: Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen – selbst herbei lässt, schickt er seinen Kumpel Moritz Krämer, seines Zeichens junger Songwriter aus Berlin, vor. Krämer, mit Pilzfrisur und von schmächtiger Gestalt, hält beim singen den Kopf so schief, dass man fürchtet, er könne ihm jeden Moment von den schultern kullern, gehört eher zu den sanften Vertretern seiner Profession. Seine Lieder gehen im allgemeinen Gemurmel und Bierdunst unter. Es wundert nicht, dass ein eigens für ihn geschriebenes Theaterstück den Titel „Night of the Nerds“ (Frei übersetzt: Die Nacht der Sonderlinge“) trägt. Erhebt er doch mal seine Stimme, ist erstaunliches zu hören: „Er betrank sich zwei Wochen aus schmutzigen Pfützen, blieb reglos liegen, ohne sich vor Katzen zu schützen“, singt Krämer. Scheint Mumm in den Knochen zu haben, der Junge.
Dennoch, Knypphausen ist ein ganz anderes Kaliber. Mit angemessen verlebtem Gesicht gibt der 31-Jährige überzeugend den leidenschaftlichen Künstler aus verarmtem Adel: „Ich bin kriegsgeil und will zuseh´n, wie der Laden explodiert“, verkündet er, während seine recht heftig musizierende Band in wummernden Psychedelic-Rock verfällt. Da beschlagen den hübschen blonden Indie-Mädchen die modisch-dicken Hornbrillengläser.
„Eine steile Karriere im Musikbusiness, dass ist eh´ nicht meins“, relativiert er im nächsten Lied , als sei ihm die Verehrung dann doch etwas unangenehm. Er weiß, es kann schnell wieder vorbei sein, mit der ganzen Herrlichkeit: „Das Leben haut dir eine rein. Und du trinkst und lachst und kackst und schon ist es vorbei.“
Wie zur Rückversicherung hat Knypphausen die Endlichkeit des Seins in der eigenen Band stets vor Augen. Frenzy Suhr - bis 1984 Gitarrist in der Hildesheimer Band 110 – am Bass, sieht man seine 53-Jahre nicht an. „Was spielt da nur für ein alter Mann mit“, fragt die Nachbarin leicht pikiert.
Den Freiherrn fechten Äußerlichkeiten nicht an. Er ist den wirklich wichtigen Dingen des Lebens auf der Spur: „Den ganzen Unsinn werd' ich nie verstehen. Da hilft nur Einatmen und Vorwärtsgehen“, rät er im Lied Sommertag. Nur in welche Richtung soll sich die desorientierte Jugend, die in schweißgesäuerten Spielorten enthusiasmiert an seinen Lippen hängt wenden?
„Und alles, was mir dann noch übrig bleibt: Ein bisschen Zweisamkeit als Zeitvertreib. Das bisschen Herzschmerz, das bisschen Herzschmerz tut doch gar nicht weh.“ Das hört sich schwer nach den Rezepten der 68er an. Nur sind die mit ihrem grenzenlosem Hedonismus auf Dauer ja auch nicht glücklich geworden. Der Künstler bleibt im Ungefähren „Ich bin ein Freund von Klischees, und Elbfähren, und dich mag ich sehr, sehr gern.“ Aber er lässt die Hoffnung nicht fahren. „Durch den Hafen wehen wir. Zwei Blatt recyceltes Papier. Ja, wir werden uns wieder füllen. Mit all den prächtigen Farben.“
Die Menge ist begeistert. Vielleicht suchte sie nur Unterhaltung statt Wahrheiten. Wahrhaftigkeit zumindest war geboten.