Freitag, 17. September 2010

Neues Substage Eröffnet

„Es roch nach Tot, Blut und Schwein“, schildert Matthias Würz seine Eindrücke von der ersten Begehung des Schlachthauses. Wo vor zwei Jahren noch Schweinehälften an Fleischerhaken aufgereiht hingen, hält der Architekt am Dienstag vor vierhundert Gästen seine Rede zur Eröffnung des neuen Musikclubs Substage. Dessen Wiedererstehung auf dem Gelände des Kreativparks Alter Schlachthof an der Durlacher Allee er nach dem Auszug aus der alten Unterführung am Ettlinger Tor mitgestaltet hat. „Damals habe ich nur gedacht, wie sollen wir je diesen bestialischen Gestank aus dem Gebäude kriegen“, sagt Würz. „Denn die Bausubstanz war buchstäblich blutgetränkt.“
Heute erinnern nur noch einige weiße Fliesen an den Wänden im Innenraum des denkmalgeschützten Gebäudes an seinen ursprünglichen Zweck. Das Ambiente ähnelt in seinem Rohbaucharakter vielmehr dem unterirdischen Charme des alten Clubs. „Wir haben versucht so viel wie möglich von der Atmosphäre herüberzuretten“, sagt Geschäftsführer Gérald Rouvinez-Heymel. Das ist besser gelungen als Man erwarten konnte. Gäbe es auf der Bühne nicht Kopffreiheit für die Musiker, im Publikumsraum freie sicht für alle und eine Dreimal so lange Theke, ein Unterschied ließe sich kaum feststellen.
Revolutionäre Neuerungen gibt es auch, sie finden sich aber eher im Verborgenen: Anheimelnde Garderoben mit Waschräumen für die Künstler - Allein die Sofagarnitur aus dem alten Backstagebereich hat aus Ersparnisgründen eine Schonfrist bekommen und müffelt in einer Ecke selbstzufrieden vor sich hin - und wohlriechende Toiletten mit Handtrocknern von so futuristischem Design, dass sie erst nach eingehender Untersuchung als solche zu erkennen sind, für die Besucher.
Tausend Konzertgänger kann die neue Spielstätte aufnehmen, dreihundert mehr als zuvor. Am musikalischen Konzept wollen die Macher dennoch nichts ändern. „Wir werden ein Indie- und Rockschuppen mit Metaleinschlag bleiben“, verspricht Vivien Avena, zuständig für Künstlerengagements und Pressearbeit. „Der Unterschied besteht eigentlich nur darin, dass wir für größere Konzerte, wie das von Subway to Sally am Samstag, nicht mehr in eine fremde Halle ausweichen müssen.“ „Auch die Konzerte mit bewährten Stammkünstlern wie Hendrix-Imitator Randy Hansen oder die Ü-30 Party, wird es weiter geben“, ergänzt Rouvinez Heymel.
Ganz sorgenfrei sind die Substage-Macher aber auch am neuen Standort nicht. „Der Unterhalt wird natürlich teurer sein als im alten Club“, erklärt Tontechniker und Vorstand Andreas Schorpp. So seien zum Beispiel die Heizkosten eine bisher unkalkulierbare Größe. Heute aber herrscht bei allen Beteiligten Freude und Stolz auf das Erreichte. Zwei Millionen Euro hat der Umbau gekostet, den Löwenanteil schoss die Stadt Karlsruhe zu. Zusätzlich haben die Substageler aber 5000 Arbeitsstunden in ihr neues Heim investiert. „Von der Thekenkraft bis zu den Sicherheitsleuten haben alle auf dem Bau mit angebackt“, erzählt Schorpp. „Ich bin einfach nur froh, heute hier zu sein und niemand bohrt“, sagt Heymel. „Jetzt gibt es endlich Musik!” Selbst Karlsruhes Oberbürgermeister Heinz Fenrich ließ sich von der allgeminen Hochstimmung infizieren. Ungeahnte Coolness bewies er während seiner Eröffnungsrede, als er seine Zukunftswünsche für das neue Substage in das Neil Young Zitat kleidete: „Rock N' Roll Will Never Die".

Freitag, 3. September 2010

Gisbert zu Knypphausen im Nexus Braunschweig

Mehr als zweihundert Meter vor dem Braunschweiger Nexus stehen die Fahrräder schon dicht gedrängt entlang der Frankfurter Straße. Auf der Rampe vor dem Club warten die Menschen wie gequetschte Trauben – Einlass nur nach Voranmeldung. Auch drinnen an der Bar und im Raum mit der Bühne ist es brechend voll. Erwartet wird der Auftritt von Gisbert zu Knyphausen, neuer Stern am wolkenverhangenen Himmel der deutschen Liedermacher.
Bevor sich der Freiherr – voller Name: Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen – selbst herbei lässt, schickt er seinen Kumpel Moritz Krämer, seines Zeichens junger Songwriter aus Berlin, vor. Krämer, mit Pilzfrisur und von schmächtiger Gestalt, hält beim singen den Kopf so schief, dass man fürchtet, er könne ihm jeden Moment von den schultern kullern, gehört eher zu den sanften Vertretern seiner Profession. Seine Lieder gehen im allgemeinen Gemurmel und Bierdunst unter. Es wundert nicht, dass ein eigens für ihn geschriebenes Theaterstück den Titel „Night of the Nerds“ (Frei übersetzt: Die Nacht der Sonderlinge“) trägt. Erhebt er doch mal seine Stimme, ist erstaunliches zu hören: „Er betrank sich zwei Wochen aus schmutzigen Pfützen, blieb reglos liegen, ohne sich vor Katzen zu schützen“, singt Krämer. Scheint Mumm in den Knochen zu haben, der Junge.
Dennoch, Knypphausen ist ein ganz anderes Kaliber. Mit angemessen verlebtem Gesicht gibt der 31-Jährige überzeugend den leidenschaftlichen Künstler aus verarmtem Adel: „Ich bin kriegsgeil und will zuseh´n, wie der Laden explodiert“, verkündet er, während seine recht heftig musizierende Band in wummernden Psychedelic-Rock verfällt. Da beschlagen den hübschen blonden Indie-Mädchen die modisch-dicken Hornbrillengläser.
„Eine steile Karriere im Musikbusiness, dass ist eh´ nicht meins“, relativiert er im nächsten Lied , als sei ihm die Verehrung dann doch etwas unangenehm. Er weiß, es kann schnell wieder vorbei sein, mit der ganzen Herrlichkeit: „Das Leben haut dir eine rein. Und du trinkst und lachst und kackst und schon ist es vorbei.“
Wie zur Rückversicherung hat Knypphausen die Endlichkeit des Seins in der eigenen Band stets vor Augen. Frenzy Suhr - bis 1984 Gitarrist in der Hildesheimer Band 110 – am Bass, sieht man seine 53-Jahre nicht an. „Was spielt da nur für ein alter Mann mit“, fragt die Nachbarin leicht pikiert.
Den Freiherrn fechten Äußerlichkeiten nicht an. Er ist den wirklich wichtigen Dingen des Lebens auf der Spur: „Den ganzen Unsinn werd' ich nie verstehen. Da hilft nur Einatmen und Vorwärtsgehen“, rät er im Lied Sommertag. Nur in welche Richtung soll sich die desorientierte Jugend, die in schweißgesäuerten Spielorten enthusiasmiert an seinen Lippen hängt wenden?
„Und alles, was mir dann noch übrig bleibt: Ein bisschen Zweisamkeit als Zeitvertreib. Das bisschen Herzschmerz, das bisschen Herzschmerz tut doch gar nicht weh.“ Das hört sich schwer nach den Rezepten der 68er an. Nur sind die mit ihrem grenzenlosem Hedonismus auf Dauer ja auch nicht glücklich geworden. Der Künstler bleibt im Ungefähren „Ich bin ein Freund von Klischees, und Elbfähren, und dich mag ich sehr, sehr gern.“ Aber er lässt die Hoffnung nicht fahren. „Durch den Hafen wehen wir. Zwei Blatt recyceltes Papier. Ja, wir werden uns wieder füllen. Mit all den prächtigen Farben.“
Die Menge ist begeistert. Vielleicht suchte sie nur Unterhaltung statt Wahrheiten. Wahrhaftigkeit zumindest war geboten.

Dienstag, 31. August 2010

Stille bedeutet Tod, dann sind Sepultura quicklebendig

"Silence means death", Stille bedeutet Tod, lautet eine Textzeile aus "Refuse/Resist". Der Song stammt vom Album "Chaos A.D.", dem mittleren in einer Reihe von dreien, mit der die Thrasher Sepultura zwischen 1991 und 1996 die Rockwelt revolutionierten.
"Refuse/Resist" stimmen die Brasilianer schon kurz nach Beginn ihres Auftritts in Braunschweig an. Laut und heftig wie Schläge prasseln die Akkorde auf die gut 400 Fans in der Meier Music Hall. Energisch stürzen sich die Brasilianer in den Kampf. Es gibt keinen Zweifel am Ausgang: Sieg durch K.o.
Fronthüne Derreck Greene lässt im Jahr 25 der Sepultura-Saga keine Fragen mehr offen, wer der Chef im Ring ist. Müsste sich der schwarze Riese mit den meterlangen Dreadlocks nicht von je her am charismatischen Vorgänger und entthronten Champion Max Cavalera messen lassen, er gehörte unbestritten zur Spitze seiner Zunft. So auch der agile Kesseltreiber Jean Dolabella, der den 2006 abgewanderten Schlagzeuger und Cavalera-Bruder Igor mehr als würdig ersetzt.
Kurz gesagt: Sepultura sind "fighting-fit". Und obwohl neben Hits wie "Arise", "Troops of Doom", "Territory" und "Ratamahatta" noch jede Menge Evergreens aus der kommerziellen Hochphase gespielt werden, ist die Band weit davon entfernt, lediglich eine Best-Of-Show zu veranstalten.
Der Abend gerät vielmehr zur Stilkunde: Bot "Arise" von 1991 noch lupenreinen Aggro-Stahl, kamen bei "Chaos A.D." brasilianische Klänge dazu. "Roots Bloody Roots" perfektionierte die Melange aus Metal und Weltmusik.
Mit "Roots" waren Sepultura 1996 endgültig zur erfolgreichsten brasilianischen Band der Rockgeschichte aufgestiegen. Trotzdem zerstritt sich die Mehrheit mit Sänger Max Cavalera. Der gründete daraufhin die Tribal-Hardcore-Band Soulfly, während sich der Rest um Gitarrist Andreas Kisser mit Ex-Türsteher Derreck Green hinter dem Mikro wieder den Wurzeln zuwandte: Thrash-Metal.
Seitdem schrumpfen ganz offensichtlich Spielorte und CD-Verkäufe, aber leiser, nein leiser werden Sepultura nicht. Die 400 Fans danken es der Band und gehen bei neuem Material genauso enthusiastisch mit wie bei Obskuritäten aus der Frühphase. Ja, Stille bedeutet Tod, aber bei Sepultura besteht kein Anlass zur Sorge.

Mittwoch, 9. Juni 2010

"Metal Matters" - Ein kulturwissenschaftliches Symposium zur Metal-Kultur an der HBK-Braunschweig

„Heavy Mäddel, nix im Schäddel“. Mit diesem Spruch versuchten die Poppergören in meiner Klasse Ende der 80er regelmäßig mich auf die Palme zu bringen. Heute wissen wir: Der Metal ist eine Wissenschaft für sich. Joey DeMaio, der (Quer)Kopf von Manowar, hat einen Doktortitel in Musical Arts, Brian May von Queen einen solchen in Astrophysik und Bands aus den progressiveren Sphären des Genres wie Rush oder Dream Theater sind durchaus in der Lage einen Song am musiktheoretischen Reisbrett zu entwerfen.
Dennoch: Würde in einer Erhebung die Frage gestellt, „was verbinden Sie mit dem Begriff ‚Heavy Metal’“, rangierten die Antworten „Aggression“, „übermäßigen Bierkonsum“, „Lärm“ oder gar „den Teufel“ sicherlich weit vor der Einschätzung „bedeutendes kulturelles Phänomen“.
Zu Unrecht: Beim Kongress „Metal Matters – Heavy Metal als Kultur und Welt“ am Institut für Medienforschung der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) dis-kutierten von Donnerstag, 3. Juni, bis Samstag, 5.Juni, mehr als hundert Teilnehmer über das Thema Metal und seine Bedeutung.
Die Heavy-Metal- Kultur in all ihren Nuancen und Ausprägungen werde häufig nicht nur von Eltern und Erziehern als verstörend, ja schädlich wahrgenommen, sondern darüber hinaus von Wissenschaft und Kulturpolitik für bedeutungslos gehalten, meinen die Or-ganisatoren Professor Rolf F. Nohr von der HBK und Herbert Schwaab von der Uni Regensburg – beide während der 80er im Metal sozialisiert. „Es wird jede Menge Populärkulturforschung betrieben, in der oft auf den politischen Hintergrund von Jugendbewegungen abgestellt wird. Da es den beim Heavy-Metal nicht gibt, wird der oft als stumpf abgetan und links liegengelassen“, sagt Nohr. „Dabei haben wir es hier mit einem kulturellen Phänomen zu tun, dass sich schon über drei Generationen gehalten hat. Das muss beguckt werden.“
Das von Nohr identifizierte Klischee, beim Heavy-Metal sei „kulturwissenschaftlich nix zu holen“, wurde zweifelsfrei widerlegt: 20 Wissenschaftler aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz referierten – vor einer genreüblichen Wand aus Marshall-Verstärkern – zu Fankultur, Ästhetik, Ökonomie und Politik des Heavy-Metal. Julia Eckel sprach über die „textile Identifizierbarkeit“ von Metal-Anhängern durch die typischen mit Bandaufnähern gespickten „Kutten“ genannten Jeans-Jacken und Band-Shirts, in de-ren Ikonographie archaisch-vormoderne und Science-Fiction-Welten verschmelzen. Christian Krumm, Holger Schmenk und Franz Horváth beleuchteten die Entstehung bedeutender regionaler Metal-Szenen im Ruhrgebiet oder Ungarn während der 80er Jahre. Tobias Winnerling stellte die verbindlichen formalen Codes für Bewohner des Metal-Universums vor.
Wie frisch und Unverbraucht der Metal auch im ungefähr 42sten Jahr nach seiner Entstehung noch ist – Je nach dem, ob man das 1968er Album von Blue Cheer „Vincebus Erupttum“ oder das Black Sabbath-Debut von 1970 mit ihrem bis dato in nie gehörter Wucht und Lautstärke vorgetragenem Amalgam aus Blues- und Psychedelic-Rock als erstes Lebenszeichen werten will – zwischen Harz und Heide ist, zeigte das Rahmenprogramm: Am Freitag spielten die Braunschweiger Bands Damn und Headshot in einer Innenstadt-Bar absolut erstligatauglichen Thrash- und Death-Metal. Eine Ausstellung in der HBK präsentierte Fanportraits von Stefanie Krause. Johannes Giering machte mit seinen Bildern die Stimmung auf Metal-Festivals erfahrbar und Frank Tobian zeigte Live-Fotos von Musikern.
„Wir sind mit der Veranstaltung sehr zufrieden“, sagt Herbert Schwaab. „Es waren nicht nur Wissenschaftler da, die ausdrücklich über Heavy-Metal arbeiten, sondern auch sol-che, die die Gelegenheit genutzt haben, sich endlich einmal wissenschaftlich mit ihrer Lieblingsmusik auseinanderzusetzen. Auch die Resonanz aus der Szene war gut.“ Quod erat demonstrandum: Metal matters.

Mittwoch, 2. Juni 2010

Kiss, 31.5., O2 World Hamburg

Das ist der Traum jedes Rockjournalisten: Noch einmal das berauschende Gefühl der musikalischen Defloration erleben. Noch einmal im Plattenladen stehen und über Kopfhörer die ersten Tackte Rock N´Roll hören. Noch einmal den magischen Moment der ersten Liveshow erleben, wenn die Saallichter aus- und die Scheinwerfer angehen, und zu wissen: Das ist mein Ding.
Ein Zug, der vor zwanzig Jahren abgefahren ist, lässt sich nur schwer einhohlen. Deshalb folgende Versuchsanordnung: Ein Rock-Novize wird den genannten noch unbekannten Reizen ausgesetzt und seine Reaktion studiert. Und welche Band wäre für dieses Experiment besser geeignet als die Meister des beidseitigen Kerzeanzündens: Kiss.
Proband ist eine Zeitungskollegin, diplomierte Kulturwissenschaftlerin und kunstbeflissen. Des öfteren nahm sie mich schon mit zu kulturellen Veranstaltungen, zuletzt Geschlossene Gesellschaft von Sartre — als Tanztheater. In der O2 World Hamburg spielt bei Ankunft gerade die Vorband Five and The Red One. Die fünf Ulmer zocken ansprechenden frühneunziger Alternativerock, wirken dabei aber so harmlos wie Gymnasiasten auf dem Raucherhof. Urteil der Kollegin: „Die Bühnenperformance ja lustig.“ Das Todesurteil für jede Rockband.
Schluss mit Lustig ist, als Kiss um kurz vor neun loslegen. Der riesige schwarze Vorhang mit dem Bandlogo fällt. In gleißendem Licht schweben Gene Simmons, Tommy Thayer und Paul Stanley vor glitzerndem Strass und schimmernden Nieten starrend, die Gesichter wie Samurai-Dämonen geschminkt, gitarrespielend mittels Hydraulik über Eric Singers Schlagzeug hinweg auf die riesige Bühne. Die Kollegin schaut ungläubig-fasziniert.
Schon beim vierten Song „Firehouse zieht Simmons seine Feuerspucknummer ab. Eine rote Stichflamme stößt aus seinem Rachen. „Besser als Tanztheater, oder?“ „Anders, aber auch gut“, lautet die Antwort.
Unwissenheit beugt Enttäuschungen vor: Beim faustharten „Deuce“ wird der schneidende Gitarrensound von Urgitarrist Ace Frehley schmerzlich vermisst — obwohl Thayer der bessere Musiker ist. Die Kollegin vermisst gar nichts: „Ace wer?“ Im Gegensatz zum Nachbarn stört sie sich auch nicht am AC/DC-T-Shirt eines jungen Konzertbesuchers – noch vor zwanzig Jahren wäre dieser Fauxpas eine sichere Methode gewesen, sich zwei blaue Augen einzufangen, aber dieser Zug ist…, ach sie wissen schon. Auch als Eric Singer es wagt "Beth", den Erkennungsson seines Vorgängers Peter Criss, anzustimmen, empört sie sich nicht.
Aber auch als Kiss das erste mal seit der Hot In The Shades Tour 1990 – es war die letzte mit Schlagzeuger Eric „The Fox“ Carr – „Lick it Up“ anstimmen ist sie nur bedingt bewegt.
Die Kollegin interessiert sich weit mehr für Sänger Paul Stanley (58), der sich unermüdlich mit den Händen durchs auftoupierte schwarze Haar fährt, die Lippen schürzt und sich in Obszöne Posen wirft - Stanley verfügt vermutlich über ähnlich viele Variationen mit dem Po zu wackeln, wie die Eskimos über Worte für Schnee. „Unverschämt, aber freundlich und sehr selbstbewusst“, lautet das weibliche Urteil. Besondere Freude kommt gegen Ende des Konzerts auf, als Stanley mit einer Seilbahn auf eine kleine runde Bühne in der Hallenmitte fährt – „Hihi, guck mal, die dreht sich auch noch“ – und „I Was Made For Lovin’ You“ singt: „Das kenne ich sogar“. Als Stanley über unsere Köpfe zurückfliegt, treffen ihn einige Bierbecher. Sie prallen ein seiner behaarten, noch immer muskulösen Brust ab. Stanley ballt die Faust und eine weitere Salve Böller geht hoch. Schon komisch was manche Frauen so unter Freundlichkeit verstehen. Beim Konfettiregen zum Rausschmeißer „Rock And Roll All Nite“ kommt gar Rührung auf: „Oh wie schön“, sagt sie, während Papierschnipsel wie Rosenblätter vom Himmel auf ihr schweißglänzendes Gesicht herabregnen. Sie strahlt: „Das war suuuuper.“ Defloration abgeschlossen, Experiment geglückt.
Die nächste Eskalationsstufe werden am 4. Juli die Brutalo-Death-Metaler Deicide in der Meier Music Hall sein. Mal schauen was die Kollegin dazu sagt. Aber zunächst steht „Die Möwe“ von Tschechow inszeniert von Jürgen Gossch auf dem kulturellen Austauschplan. Mal gucken ob´s mir beim ersten Mal weh tut.