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Mittwoch, 26. Oktober 2016

Nicht auf leiser Sohle: Bouncing Souls live

Bouncing Souls 2009 live on Stage. Foto: Sofía Salom
Das Etikett US-Punk ist ein durchaus zweischneidiges Schwert. Für Fans steht es für Gradlinigkeit und Catchyness, für Verächter bedeutet es schlicht Poppigkeit und mangelnden Tiefgang. Die Bouncing Souls gehören zu den wenigen Genrevertretern, die es geschafft haben, beide Fraktionen für sich zu gewinnen. Denn das Quartett aus New Jersey besitzt die Seltene Fertigkeit, einfache, aber dennoch ergreifende Songs zu schreiben. Wie beim Konzert der Band am Mittwoch, 5. Oktober, im Substage zu erleben war.
Zu Beginn verstörte Frontmann Greg Attonito aber erstmal durch sein exzentrisch wirkendes  wippendes und tänzelndes Bühnen-Gebaren, das eigentlich eher zu lustigen Kinderliedern als zu heftigem Rock´n´Roll passen wollte. Im Gegensatz  dazu erwiesen sich der kahlrasierte und  schwerstens tätowierte Bryan Kienlein am Bass und der mit stets schiefgelegtem Kopf seine Gitarre zersägende Pete Steinkopf quasi als optische Urbilder ihrer jeweiligen Funktionen in einer Punkband. Aber egal, immerhin haben die Bouncing Souls als Band schon fast 30 Jahre auf dem Buckel, da kann man sich die eine oder andere Schrulligkeit erlauben.
Rein musikalisch lieferten die Bouncing Souls – der Name der Band ist übrigens ein Verweis auf die „Bouncing Soles“ der legendären Dr. Martens-Schuhe – die versprochene Mischung aus griffigen Hooks  und schnörkellosem Punkrock wie ihn frühe Streetpunk und Oi-Bands wie Peter And The Test Tube Babies oder Cocksparrer etablierten.  Hinzu kommt eine gewisse klangliche Emotionalität, die durch die Texte, die in der Regel Geschichten mitten aus dem Leben erzählen, noch verstärkt wird.
Die gut 300 Besucher ließen sich folglich nicht lange bitten und gaben sich schon beim dritten Song dem Gruppenklatschen und Rempeltanzen hin.
Zwar lassen die Bouncing Souls die ganz großen Pop-Momente, zu denen zum Beispiel Green Day immer wieder fähig sind, vermissen. Aber trotzdem sorgt der hart arbeitende Jersey Vierer mit seinen fast schon simplen, aber dennoch ergreifenden Melodien immer wieder für bewegende Momente. Wer seinen Punkrock etwas melancholisch, aber mit Pfiff mag, der war hier an der richtigen Adresse.

Sonntag, 12. Juni 2016

Unermüdlicher Moppkopf - BMTH live im Substage


BMTH 2014 beim Full Force OA. Foro: S. Bollmann

Statt eines klassischen Backdrops flirrt im Bühnenhintergrund eine Wand aus Leds. Davor springen die Musiker von Bring Me The Horizon (BMTH) unermüdlich auf und ab. Vorne am Bühnenrand zappelt, krümmt und windet sich ebenso unermüdlich der moppköpfige Horizon-Frontmann Oliver „Oli“ Sykes. Unermüdlich auch die vielen Fans des britischen Sextetts, die an diesem Donnerstag ins Substage gekommen sind. Alle Texte werden mitgesungen und auch an vollem Einsatz der tätowierten Körper fehlt es nicht.

Ziemlich erwachsener Teenie-Core

In ihrer Heimat England sind die sechs Männer aus Sheffield seit langem Helden: Mit fulminantem Death- und Metalcore, der über ein beachtliches Aggressions-Level verfügt, aber auch Melodien, poppigen Momenten, cleanem Gesang und Elektro-Klängen Raum bietet, begeistern die vor allem eine Teenager-Fangemeinde. Dabei ist die Mucke von BMTH im zehnten Jahr ihres Bestehens keineswegs Eindimensional: Songs können durchaus eine Länge von acht Minuten erreichen, zeugen aber trotz amancher Vertracktheit stets von einem Händchen für mitreißende Melodien. Ruppige Hard- und epische Postcore-Elemente werden aufgehübscht mit Gangshouts und eingängigen Backing-Chor-Gesängen.  

Ein Massaker an New-Metal-Verächtern

Die  Liveshow ist explosiv: Dissonante Gitarrenstürme, unterbrochen von kantigen Stop-and-go-Breaks, präzises Hochenergie-Drumming, ein stets bangender DJ und dazu Sykes´ vielseitige bis abgepfiffene Vokalakrobatik (Singen, Brüllen, Kreischen, Grunzen, Schreien) ergeben ein Krachmassaker, dessen Energie auch fundamentalistischste New-Metal-Verächter nicht negieren können.
Auch für´s Auge ist etwas geboten: Neben dem Led-Geblinke feuern BMTH eins ums andere aus allen sechs mitgebrachten Trockeneis-Kanonen, so dass das Substage mitunter so eingenebelt ist, wie das Wildparkstadion bei Gastspielen von RB Leipzig.
„That's The Spirit“, lautet der Titel des aktuellen BMTH-Albums, was so viel heißt wie, „das ist die richtige Einstellung“. Heute jedenfalls haben sie BMTH an den Tag gelegt.

Dienstag, 23. Februar 2016

Scharlatane oder echte Rocker? - Wanda aus Wien live im Test

Charmant angeranzt: Marco Michael Fitzthum 2015 mit Wanda auf der Bühne. Foto: Pistenwolf
„Hey Mann, bist Du jetzt auch schon total verweichlicht oder bist Du mit einer Frau da?“, fragt ein Konzertbesucher seinen Bekannten – nur halb im Scherz. Der andere nuschelt ein wenig verlegen irgendwas von „endlich mal wieder unironische Rockmusik“. Beide Gesprächspartner haben sich am Sonntagabend im Foyer des Karlsruher Tollhauses beim Schlange stehen am Bierstand nach scheinbar längerer Zeit wiedergetroffen. Ihre Outfits – Ringelpulli, Schnauzer, lange Haare sowie Stachelfrisur und Lederjacke – weisen sie als Anhänger härterer Alternativmusik aus. Ihr kurzer Wortwechsel umreißt ziemlich genau die Frontlinien in der Kontroverse um Wanda, die drinnen im Saal die ersten Akkorde anschlagen.
Denn während die einen die Österreicher für die „vielleicht letzte wichtige Rock’n’Roll-Band unserer Generation“ (Musikexpress) halten, stellt sie für die anderen wenig mehr dar als die Austro-Variante überspannten Befindlichkeits-Pops Hamburger Schule. „Scharlatane oder echte Rocker?“ lautet daher die heutige Frage an das Wiener Quintett um Sänger Marco Michael Fitzthum.
Die Frage ist relativ schnell relativ eindeutig beantwortet: „Mein Glied unterwirft sich der Diktatur deines Mundes, Baby“, singt Fitzthum in „Luzia“, dem ersten Song des Sets. Solche Zeilen würden Studi-WG-Bands wie Kettcar oder Tomte nie über die Lippen kommen. Sie sind weder politisch korrekt noch jugendfrei. „Ich will zum Himmel fahren, so schnell und bequem wie es geht“, heißt es im zweiten Song „Schick mir die Post“ (ins Spital). Dabei weiß doch jeder, der einmal Grimms Märchen gelesen hat, dass ins Himmelreich nur steinige, unzugängliche Wege führen. Während breite komfortable Straßen direkt vor dem Höllentor enden. Aber ist Himmel nicht Ansichtssache? „Hell ain´t a bad place to be“, sang Bon Scott. Und der 1980 gestorbene AC/DC-Frontmann muss es schließlich wissen.
Und  wer hat eigentlich wann das Dogma in die Welt gesetzt, der Rock´n´Roll als Sprössling der Verbindung zwischen den ursprünglich lyrisch recht unzweideutigen Musikstilen Blues und Country wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis gewesen? Warum also nicht endlich mal wieder ungeniert von Mädels und Schnaps singen? Und natürlich den seelischen und gesundheitlichen  Problemen, die beide mit sich bringen? Lange Zeit gehörte es zum guten Pop-Ton, die von niederen Instinkten beherrschten Aspekte der Selbstverwirklichung in Selbstironie zu verpacken. So konnte man von der Binnen-I-Fraktion schon nicht an den Gender-Pranger gestellt werden. Das Verdienst von Wanda ist es, diese lustfeindliche Ära auch außerhalb von Randgruppen-Genres für Abgehängte wie Gangster-Rap beendet zu haben.
Auch musikalisch rau-rumpeln Wanda eher brüsk-borstig zwischen The Clash und den Rolling Stones als dass sie im NDW-Fahrwasser dümpeln. Das zeigt sich beim countryesquen Schrammel-Shuffle von "Schickt mir die Post" genauso wie beim großtuerisch im Midtempo stolzierenden „Bussi Baby“.
Frontmann Marco Michael Fitzthum alias Marco Michael Wanda schließlich hat nicht nur eine ziemlich gut durchgequälte Bluesstimme, sondern gibt auch dazu passend den charmant angeranzten Stenz im weißen Anzug, dem das krause Haar über der Stirn lichter wird, aber auf der bleichen Hühnerbrust dafür umso dichter sprießt. Die Klaviatur der großen Rockstar-Gesten spielt Fitzthun gekonnt, indem er die Pose mit einer wohl dosierten Mischung aus Arroganz und Verletzlichkeit unterfüttert.  Ob er sich nun lässig an die Schulter seines Gitarristen anlehnt, vom Gram gebeugt zu Boden sinkt oder sich vom begeisterten Publikum auf Händen tragen lässt.
Okay, richtig derbe Rockschweine, die sich in ihrer Freizeit gegenseitig leere Whiskeyflaschen auf die Ömme hauen, werden Wanda in diesem Leben zwar nicht mehr. Aber dafür haben die Wiener mit „1,2,3,4“, „Luzie“, „Schick mir die Post“ oder „Meine beiden Schwestern“ ziemlich viele Ohrwürmer am Start. Und auch wenn sich in die Setlist zwischendurch noch der ein oder andere Langweiler einschleicht,  ist das mehr, als manche Band mit gerademal zwei Alben im Gürtel von sich behaupten kann.  Wirklich bemängeln lässt sich am Ende allenfalls, dass  Wanda als Zugabe "A Hard Day's Night" von den Beatles anstimmen. Wo „Little Red Rooster“ von den Stones irgendwie passender gewesen wäre. Doch wer ist schon perfekt.

Donnerstag, 10. September 2015

Fast wie beim Zahnarzt - Reverend Shine Snake Oil Company

Nein, das ist kein hundsgewöhnliches Konzert – und das von Anfang an. Oder wie viele Shows habt ihr schon gesehen, bei denen der Gitarrist zur Einstimmung erst einmal einige Minuten Zahnseide zwischen den Saiten seines Instruments hindurchzieht? Eben! Das soll jetzt nicht heißen, dass Auftritte der Reverend Shine Snake Oil Company über diese Soundspielerei (es klingt ein wenig, als würde man mit dem Plektron die Saiten entlangstreifen, nur, öhm, faseriger) hinaus viel mit einem Zahnarztbesuch gemein hätten – gewiss nicht. Was Frontmann Claudius Pratt und seine ölige Gesellschaft an diesem Donnerstagabend, 3. September,  in der Alten Hackerei darbieten, hat viel mehr den Charakter Happenings. So hätten es zumindest unsere Vorfahren in den lysergsäuregetränkten 60er Jahren bezeichnet.
Männer spielen Musik. Sie tragen schwarze Anzüge und Bärte und sehen so eher aus wie Halsabschneider denn als Musiker (oder Musiker aus einer Zeit, in der das noch ein und dasselbe war).  Auch die Musik ist schwarz, tiefschwarz: Blues, Soul, Dark Jazz. Roots Musik, die in psychedelischer Formlosigkeit aufgeht. Die Soundtracks von Nick Cave und Warren Ellis kommen in den Sinn. Erstaunlich, welche Wucht die Band mit zwar verstärkten, aber nicht elektrifirzierten Instrumenten wie Stehbass und Westerngitarre entfaltet.
Da den Arrangements bis auf ein gelegentliche repetitive Riffs, Licks oder Grooves weitgehend die Strukturen fehlen, käme beim Zuhören aber wohl doch irgendwann strapaziöses Dentalpraxen-Feeling auf, wäre da nicht Claudius Pratt, der Angeryman, der Reverend, der mit goldberingten Händen mysteriöse Heilmittel für allerlei moderne Beschwerden anbietet. Ganz zuvorderst Langeweile.
Gesanglich gibt der in Dänemark lebende Exil-New-Yorker so eine Art Afro Srceaming Lord Sutch. Seine Körpersprache wechselt zwischen Soul-Man, Baptistenprediger und Vodoo-Priester: Booty shaking, Armerudern, Körperzucken, Augenrollen. Schweißtreibend, hemmungslos, intensiv, hypnotisch. Klarer Fall: Dieser Reverend lebt nicht zölibatär, in seinem Gesangbuch sind Bilder von nackten Weibern, seine Messen feiert er um Mitternacht, sein Taufbecken ist voller Whiskey, sein Weihrauch stinkt nach Schwefel und sein Chrisam ist aus Schlangenfett. Kurz: Seine Kirche ist „on the wrong side of town“. Und jeden verdammten Augenblick rechnet man damit, dass Frauen ihre Brüste entblößen, Vipern durch die Reihen gereicht werden wie in den Hinterwäldler-Pfingstgemeinden der Appalachen oder der Reverend zumindest eine schwarze Katze am Schwanz über seinem Kopf kreisen lässt.
Am Ende fehlt bei aller Emotionalität aber dann vielleicht doch der Schuss Pop-Appeal, auf den selbst die alten Bluesmänner immer so penibel geachtet haben. Dass Pratt und Company auch Songs schreiben können, blitzt mitunter auf in dem ganzen verschwitzten Budenzauber. Zum Beispiel beim Rausschmeißer „Farewell All Good People“, einer sensiblen Gospel-Ballade. Ein paar mehr solche Ohrwürmer und diese Band wäre nicht mehr zu stoppen.  Trotzdem: ein Erlebnis.

Mittwoch, 26. August 2015

Veganes Gemetzel - Das New Noise Festival feiert im Karlsruher Schlachthof den Hardcore

 Würdiger Headliner beim NNF: The Story So Far  Foto: Veranstalter
Endlich war mal was los, im sogenannten Kreativpark! Am Samstag ging auf dem alten Schlachthofgelände zum ersten Mal  das New Noise Festival (NNF) über die Bühne. Gut 900 Fans Hardcore-Punk beeinflusster Musik bevölkerten laut Veranstalter das Areal. So dass in und zwischen den verschiedenen Venues reger Besucherverkehr war. Sonst herrscht zwischen den  schönen alten Sandsteingebäuden ja vorwiegend Tristesse. Von kulturellem Leben, sofern es denn stattfindet, bekommt der Besucher zu beliebiger Tag oder Nachtzeit eher wenig mit: Er hört keinen Musiker spielen und keinen Künstler hämmern.

Unlängst war ja sogar das Vorhaben, Proberäume für Bands einzurichten, gescheitert – wegen des Lärms! Alles, was der Besucher beim Blick durchs eine oder andere Fenster gewöhnlich erblickt, sind junge Menschen, die auf Computermonitore starren. Krasser könnte der Unterschied zu vergleichbaren Einrichtungen wie etwa dem RAW-Tempel in Berlin nicht sein. Wo täglich Bands  spielen, DJs auflegen und Künstler in offenen Ateliers ihre Werke präsentieren. Hipster, Besucher aus aller Welt und Nutzer sich über allerneueste Kulturtrends austauschen.

Ansiedelungen wie die des US-Softwareunternehmens Citrix, Rechtsanwaltskanzleien oder gehobenen Weinbars auf dem Schlachthofgelände dürften kaum Abhilfe von dieser Misere schaffen. Veranstaltungen wie das NNF hingegen schon. Am Samstag hämmerte es also ganz gewaltig: In der Fleischmarkthalle feierten die Metzel-Metaller Benighted ein zünftiges musikalisches Schlachtfest, das der Historie des Ortes voll entsprach. Der streckenweise rasend schnelle, aber stets deftig groovende Grindcore des französischen Quartetts bohrt sich in die Gehörgänge wie ein glühender Fleischerhaken – eine nicht unbedingt angenehme Art, die Gehörgänge durch zu putzen, aber ungemein effektiv.

Gegen diese Schlächterei nahm sich der eher traditionelle Hardcore New Yorker Schule (Gang Shouts und Alles), den  Empowerment Alten Hackerei auftischten, fast wie Kuschelrock aus. Obwohl die Stuttgarter reichlich ruppigen Eisenkeller-Charme versprühten. Zurück in der Fleischmarkthalle konnten die Fans bei Break Even ein wenig verschnaufen. Spielte sich der leicht angefunkte Hardcore der Australier eher im Midtempo-Bereich ab.

Im Substage enterten derweil Lionheart die Bühne. Mit den Kaliforniern ging es auf Zeitreise in die frühen 90er: Feinripp-Crossover mit Hip-Hop-Einschlag, der dazu einlädt, die Schildkappe nach hinten zu drehen und mit dem Skateboard über eine Sphalanx brennender Mülltonnen zu hüpfen.  

Wer sich im Circle-Pit zu sehr verausgabt hatte, konnte sich etwa ein veganes Steak in den tätowierten Hals schieben oder sich die Zeit an den zahlreichen Verkaufsständen mit Bandmerch ausstatten.
Zu sehen gab es bei einem Eintrittspreis von 33 Euro gut dreißig Bands. Trotz dieses fairen Preises wurden laut Veranstalter 25 Tickets mit gestohlenen Bankdaten gekauft. Eine Person, die offenbar in den Betrug vermittelt war, konnte auf dem Festivalgelände festgenommen werden.

Freitag, 24. Juli 2015

Wimps and posers leave the hall! - Beim BYH nimmt man den Metal noch ernst


In Balingen ist der Name noch Programm. Fotos (alle): Crazyfink
Es stimmt schon, Bands wie die Solinger Stahlschmiede Accept, die Teutonen-Thrasher Kreator oder die Schockrocker W.A.S.P. kann man auf allen großen Metal-Festivals und nicht nur dem Bang Your Head (BYH), das am vergangenen Wochenende in Balingen stattgefunden hat, spielen hören. Aber während sich etwa das am kommenden Wochenende bevorstehende Wacken Open Air (WOA) in der schleswig-holsteinischen Tiefebene von einer Metal-Party der örtlichen Dorfjugend zur überdimensionierte Kirmes mit
Machen dir kein X für ein U vor: Pretty Maids.
Wikingerlagern, Schau-Catchen und Comedy-Einlagen gewandelt hat und man dort auch vor Blaskapellen und mittlerweile sogar Heino nicht mehr sicher ist, scheint auf der schwäbischen Alp die Zeit stehen geblieben zu sein.  Während die WOA-Macher unter dem ikonischen schwarzen Label mit dem Stierschädel inzwischen sogar Butterfahrten und Ski-Freizeiten vermarkten, setzt man in Süddeutschland auch im zwanzigsten Festivaljahr weniger auf Marken- als auf Traditionspflege.
Der wildeste Kindskopf des Rock: Blackie Lawless

Die Ausgangssituation bei beiden Veranstaltungen ist im Grunde ähnlich: Horden schwarzgekleideter Feierbiester fallen einmal jährlich für ein paar Tage ins verschlafene Provinzörtchen ein und lassen es ordentlich krachen Dennoch trennen die Festivals Welten. Im Norden haben unter weltweiter Medienanteilnahme längst Event-Touristen, die mal feiern wollen wie Metal Fans, aber das Tragen eines Schottenrocks für ein musikalisches Statement halten, das Ruder übernommen. Im Süden, beim Bang Your Head, ist – ohne das außerhalb der Metal Szene groß jemand davon Notiz nähme – der Name noch Programm. 
Gewappnet zur Schlacht: Omens Kevin Goocher
Wenn Blackie Lawless (58) hier in seinen weißen Fransenstiefeln auf die Bühne stakst und „I'm a wild child, come and love me / I want youhouhou“ johlt, gehen die Fäuste zum Himmel und nicht die Smartphones. Hier kann ein stahlkettenbehängter Metal Dino wie Harry "The Tyrant" Conklin, Frontmann der mythischen Power-Metal-Formation Jag Panzer, noch Zeilen wie „Black is the meaning of life“ singen und dabei großtuerisch mit den benieteten Armen rudern, ohne dass das irgendjemand für eine ironische Brechung überkommener Metal-Klischees auffassen würde.
Still Heavy Metal Maniacs: Exciter.
Auch lacht niemand über die Ritterrüstung von Omen Frontmann Kevin Goocher – zumindest solange er sich an alle Texte vom1984er
Kultalbum „Battle Cry“ erinnern kann. Hier bricht Begeisterung aus, wenn der singende Schlagzeuger Dan Beehler  nach über 20 Jahren Abstinenz mit der Originalbesetzung der Proto-Thrasher Exciter einmal mehr „Heavy Metal Maniac“ anstimmt. 
Lauter bitte, wir sind schließlich keine 30 mehr: JB.
Hier hält es niemand für kitschig, dass selbst eine relativ junge Band wie Grand Magus aus Schweden, nach denen noch niemand ein Fossil benannt hat, ihren Songs Titel wie „Triumph And Power“, „The Hammer Will Bite“ oder „Bond Of Blood“ geben und die Lieder auch noch haargenau so klingen, wie der Titel es vermuten lässt. Hier sind verblassende Iron Maiden-Tattoos noch cool.
Wimps and posers leave the hall!: Grand Magus.
Hier können erwachsene Männer zu den perlenden Gitarrensoli von Y&Ts Dave Meniketti noch Tränen der Rührung vergießen. Wohingegen das Oktoberfest-Publikum auf dem WOA im vergangenen Jahr die unvergleichlichen Gitarrenattacken  von Megadeth-Frontmann Dave Mustaine mit weitgehender Nichtbeachtung strafte, weil Bierleichen fotografieren ist schließlich auch wichtig.
Metal as metal can be: Die Fans in Balingen.
Zwar sind die urtypischen Metal Krieger Manowar inzwischen ähnlich von allen guten Rock´n´Roll Geistern verlassen, aber sie haben mal einen ziemlich klugen Vers geschrieben: „Heavy Metal or no metal at all/ Wimps and posers leave the hall!“ In Balingen wird er bislang noch beherzigt.   



Mittwoch, 15. Juli 2015

Thought Forms - Weißes Rauschen im Schleudergang

Beobachten gern technische Geräte: Thought Forms. Foto:Promo

Thought Forms spielen Noise Rock. Für Nichtkenner: Das ist Musik für Leute, die wahrscheinlich auch mit Inbrunst stundenlang technische Geräte beobachten – Ampeln, Waschmaschinen – oder fließendes Wasser. Viel passiert bei dieser musikalischen Entsprechung von Schnee auf dem Bildschirm also nicht. Das Wenige kann aber trotzdem fesseln. Wie das Trio aus Südwestengland am Donnerstag, 9. Juli, im Jubez am Kronenplatz bewies.

Zunächst scheint es jedoch eher so als hätten die Musiker ernsthafte Defizite im Bereich des sozialen Miteinanders und der gegenseitigen Verständigung: Wie festgenagelt schaukeln  Gitarristin Charlie Romijn und ihr Kollege Deej Dhariwal auf der Bühne hin und her. Aus dem weitgehend strukturlosen Wummern und unnatürlich verfremdeten Geschrammel, das sie mit ihren Instrumenten erzeugen, schält sich nur gelegentlich ein repetitives Riff. Das Drummer Guy Metcalfe dann aber augenblicklich mit Rhythmusschemata abseits jeder menschlichen Logik dekonstruiert. Dazu wimmert Romjin meist total verhallt ins Mikrofon.

Am ehesten erinnern diese Soundkollagen noch an bekiffte Jams früher im Bandraum. Wer selbst je Rockmusik gemacht hat, kennt das Phänomen: Im Rausch glaubten wir ein neues  „Ummagumma“ aufgenommen zu haben – bis zum nächsten Morgen. Der Unterschied: Während wir unser Genudel ein wenig peinlich berührt sang- und klanglos zu löschten, haben Thought Forms einfach das genaue Gegenteil getan. Und Portishead-Mastermind Geoff Barrow hat das dann auch noch auf seinem Label Invada Records veröffentlicht.

So baut sich die larmoyante Langeweile, diese geschraubte Ödnis, erzeugt mit Effektboards, größer als der musikalische Horizont der Bühnenakteure, zur schamanischen Geräuschkulisse auf, die nichtssagend vielsagend unwillkürlich in ihren Bann zieht. Fast wie ein Schleudergang: Tzschuuiiiiiiihhhh.

Montag, 13. Juli 2015

The Coconuts stehen mit beiden Füßen fest im Eiskübel

Surf Rock aus Karlsruhe? Passt! Besonders bei den aktuellen Temperaturen. Den Mini-Stirnband-Ventilator auf die höchste Stufe stellen, die Füße in einen randvoll befüllten Eiskübel stecken, eine Pina Colada schlürfen und dazu das Debut von The Coconuts auflegen. Das ist das perfekte Hitzekoller-Kontrastprogramm. 
Klar, musikalisch erfindet das Quartett das Rad respektive Surfboard nicht gerade neu. Die stilistischen Trademarks der in den 60er Jahren in Südkalifornien populär gewordenen Instrumetalmusik sind alle da: Schnell gezupfte, orientalisch angehauchte „nasse“ Reverb-Gitarren, Pum-Tata-Pum-Tat-Drums und gelegentlich ein wenig E-Piano-Schlock. Kurz, im Wesentlichen sind The Coconuts stark von Dick Dale and the Del-Tones inspiriert und verbinden darüber hinaus Einflüsse von Dick Dale and the Del-Tones mit der Musik von Dick Dale and the Del-Tones. Aber was soll man in einem Genre, das derart von Dick Dale and the Del-Tones geprägt wurde auch groß anderes machen? Ein paar Ramones-Riffs einbauen und neben ordentlich Orange-County-Feeling mit gelegentlichen Heys und Has auch ein bisschen Ennio-Morricone-Atmosphäre verbreiten, wie es The Coconuts zwischen durch immer wieder tun, zum Beispiel.  Ein Übriges tun witzige Songtitel wie „Achtung Naggich!“, „Saunahonig“ und „Thunderstorm à la Plage.
Den Live-Test haben die 12 Songs auf der selbstbetitelten Scheibe jedenfalls schon bestanden. Ausgelassene Baggersee-Feten-Stimmung herrschte bei der Plattentaufe am Freitag, 26 Juni, in der sehr gut besuchten Alten Hackerei.
Erhältlich ist The Coconuts als Vinyl oder Download hier.

Freitag, 17. April 2015

Der Mensch als Kronkorken der Schöpfung - Deichkind live

Die nächste Stufe der Evolution? -Deichkind.  Foto:Deichkind
Deichkind haben Verspätung. Oder besser gesagt das Publikum. Obwohl die Veranstalter wegen des Andrangs die Türen der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe am Mittwoch schon eine Stunde früher als geplant geöffnet haben, schlängelt sich die Schlange der auf Einlass Wartenden – viele tragen Pyramiden aus Alufolie auf dem Kopf, das Symbol der Band – noch kurz vor dem anberaumten  Konzertbeginn um 20 Uhr weiterhin über den Festplatz. Drinnen laufen bei schwüler Hitze auf der Großbildleinwand schrullige, nippelistische südostasiatische Dance-Videos und solche von MC Hammer – Die Älteren erinnern sich vielleicht: Das war der mit den Hosen.
„Vielleicht ist das bei denen so wie bei Kraftwerk. Die kommen gar nicht in echt und das ist schon die Show“, beginnen sich die Ersten zu fragen, nachdem fast eine halbe Stunde ins Land gegangen ist. Doch dann wird ein Film eingespielt: Zum Klang apokalyptischer Posaunen zoomt die Kamera aus den Weiten des Weltalls auf den blauen Planeten und überfliegt die Wunder der Erde, Wüsten, Seen, Feuer speiende Vulkane, tosende Wasserfälle und dergleichen. Dann umkreist sie menschengemachte Wunder, die Pyramiden, Stonehenge. Schließlich werden auch die Deichkind-Musiker gezeigt, auf der Bühne, auf Tour, in unterschiedlichen Stadien der Entkleidung und des Rausches. Der Mensch als Kronkorken der Schöpfung.
Auf dem Vorhang zeichnen sich nun die Schattenrisse von Obelisken ab, ähnlich dem in Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“. Manche sagen, bei dem schwarzen Gebilde habe es sich um eine Art Aufklärungssonde einer außerirdischen Superintelligenz gehandelt, zusätzlich ausgestattet mit der Fähigkeit, evolutionäre Entwicklungen anzustoßen. Die Szene, in welcher der Alpha-Hominide den Knochen als Waffe und Machtmittel entdeckt, kennt jeder. Werden uns nun Deichkind die nächste Stufe der Evolution erklimmen helfen?
„Denken Sie Groß“ performen Deichkind jedenfalls gleich als zweiten Song, eine Reminiszenz an den Zeitgeist, der nach stetiger (Selbst)Optimierung verlangt. Dabei tragen die Musiker statt der sonst üblichen LED-beleuchteten Pyramiden bizarr überdimensionierte Gehirne auf dem Kopf. Der Song kommt direkt nach dem erwartbaren Konzert-Opener „So'ne Musik“. Der Hymne für alle Feierwütigen vom aktuellen sechsten Album „Niveau Weshalb Warum“. In diese Abfolge ließen sich wahrscheinlich auch die Prioritäten der Hamburger zusammenfassen: Feiern ja, aber bitte auch mal das Hirn einschalten und die gesellschaftlichen Gegebenheiten hinterfragen. Party und in Werbeslogans gekleidete Gesellschaftskritik gehen hier Hand in Hand: Titel wie „Leider Geil“, „Arbeit Nervt“, „Like Mich Am Arsch“ und „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“ feiern Burger, Bier und Medienkonsum genauso wie sie die Auswüchse des realexistierenden Digitalismus scharfzüngig ins Visier nehmen.
Die Musik wechselt zwischen Kirmes-Techno, poppigen House und ordentlich groovendem Hip-Hop, der das mutmaßlich von in den frühen 80ern von Motörhead und AC/DC verursachten Haarrissen durchzogene Hallendach gefährlich in Schwingung  versetzt. Das erstaunlich heterogene Publikum, das Ringelpullimädchen wie schwarzgekleidete Männer mit langen Haaren umfasst, ebenso.
Die Show sieht aus, als hätten ein paar zwölfjährige die feuchten Träume ihrer letzten Pyjamaparty verwirklicht: Vor der Kulisse eines gutes Dutzend beweglicher Obelisken (mal wandern sie im Kreis, mal seitwärts, mal formen sie eine Skyline) fahren Philipp Grütering, Sebastian Dürre und Sascha Reimann alias Kryptik Joe, Porky und Ferris Hilton in wechselnden Kostümen mit dem Seniorenscooter über die Bühne, machen eine Polonaise durchs Publikum oder lassen sich mit dem Schlauchboot über die Köpfe der 5.000 tragen. Nein, es bleibt kein Zweifel, Deichkind sind keine Menschmaschinen, sondern Hedonisten von echtem Schrot und Korn.
Trotz all des anarchistischen Blödsinns wirkt die Darbietung dann aber doch sehr durchorganisiert und lässt wenig Raum für Spontaneität. Vielleicht ist das den Anforderungen einer aufwendigen Bühnenproduktion geschuldet. Viellleicht ist an der in populären Thrillern verbreiteten und von Verschwörungstheoretikern gierig aufgegriffenen Idee, die spitzwinkelige Pyramide verweise auf die rückwärts gerichteten Machenschaften illiberaler Geheimbünde, am Ende aber doch was dran. Dann singen Deichkind vielleicht nur vorneherum so antireaktionär. Und in unseren Gehirnen dreht sich das aber alles um. Zur Freude von Google und der NSA. Eine erschreckende Vorstellung!