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Dienstag, 23. Februar 2016

Scharlatane oder echte Rocker? - Wanda aus Wien live im Test

Charmant angeranzt: Marco Michael Fitzthum 2015 mit Wanda auf der Bühne. Foto: Pistenwolf
„Hey Mann, bist Du jetzt auch schon total verweichlicht oder bist Du mit einer Frau da?“, fragt ein Konzertbesucher seinen Bekannten – nur halb im Scherz. Der andere nuschelt ein wenig verlegen irgendwas von „endlich mal wieder unironische Rockmusik“. Beide Gesprächspartner haben sich am Sonntagabend im Foyer des Karlsruher Tollhauses beim Schlange stehen am Bierstand nach scheinbar längerer Zeit wiedergetroffen. Ihre Outfits – Ringelpulli, Schnauzer, lange Haare sowie Stachelfrisur und Lederjacke – weisen sie als Anhänger härterer Alternativmusik aus. Ihr kurzer Wortwechsel umreißt ziemlich genau die Frontlinien in der Kontroverse um Wanda, die drinnen im Saal die ersten Akkorde anschlagen.
Denn während die einen die Österreicher für die „vielleicht letzte wichtige Rock’n’Roll-Band unserer Generation“ (Musikexpress) halten, stellt sie für die anderen wenig mehr dar als die Austro-Variante überspannten Befindlichkeits-Pops Hamburger Schule. „Scharlatane oder echte Rocker?“ lautet daher die heutige Frage an das Wiener Quintett um Sänger Marco Michael Fitzthum.
Die Frage ist relativ schnell relativ eindeutig beantwortet: „Mein Glied unterwirft sich der Diktatur deines Mundes, Baby“, singt Fitzthum in „Luzia“, dem ersten Song des Sets. Solche Zeilen würden Studi-WG-Bands wie Kettcar oder Tomte nie über die Lippen kommen. Sie sind weder politisch korrekt noch jugendfrei. „Ich will zum Himmel fahren, so schnell und bequem wie es geht“, heißt es im zweiten Song „Schick mir die Post“ (ins Spital). Dabei weiß doch jeder, der einmal Grimms Märchen gelesen hat, dass ins Himmelreich nur steinige, unzugängliche Wege führen. Während breite komfortable Straßen direkt vor dem Höllentor enden. Aber ist Himmel nicht Ansichtssache? „Hell ain´t a bad place to be“, sang Bon Scott. Und der 1980 gestorbene AC/DC-Frontmann muss es schließlich wissen.
Und  wer hat eigentlich wann das Dogma in die Welt gesetzt, der Rock´n´Roll als Sprössling der Verbindung zwischen den ursprünglich lyrisch recht unzweideutigen Musikstilen Blues und Country wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis gewesen? Warum also nicht endlich mal wieder ungeniert von Mädels und Schnaps singen? Und natürlich den seelischen und gesundheitlichen  Problemen, die beide mit sich bringen? Lange Zeit gehörte es zum guten Pop-Ton, die von niederen Instinkten beherrschten Aspekte der Selbstverwirklichung in Selbstironie zu verpacken. So konnte man von der Binnen-I-Fraktion schon nicht an den Gender-Pranger gestellt werden. Das Verdienst von Wanda ist es, diese lustfeindliche Ära auch außerhalb von Randgruppen-Genres für Abgehängte wie Gangster-Rap beendet zu haben.
Auch musikalisch rau-rumpeln Wanda eher brüsk-borstig zwischen The Clash und den Rolling Stones als dass sie im NDW-Fahrwasser dümpeln. Das zeigt sich beim countryesquen Schrammel-Shuffle von "Schickt mir die Post" genauso wie beim großtuerisch im Midtempo stolzierenden „Bussi Baby“.
Frontmann Marco Michael Fitzthum alias Marco Michael Wanda schließlich hat nicht nur eine ziemlich gut durchgequälte Bluesstimme, sondern gibt auch dazu passend den charmant angeranzten Stenz im weißen Anzug, dem das krause Haar über der Stirn lichter wird, aber auf der bleichen Hühnerbrust dafür umso dichter sprießt. Die Klaviatur der großen Rockstar-Gesten spielt Fitzthun gekonnt, indem er die Pose mit einer wohl dosierten Mischung aus Arroganz und Verletzlichkeit unterfüttert.  Ob er sich nun lässig an die Schulter seines Gitarristen anlehnt, vom Gram gebeugt zu Boden sinkt oder sich vom begeisterten Publikum auf Händen tragen lässt.
Okay, richtig derbe Rockschweine, die sich in ihrer Freizeit gegenseitig leere Whiskeyflaschen auf die Ömme hauen, werden Wanda in diesem Leben zwar nicht mehr. Aber dafür haben die Wiener mit „1,2,3,4“, „Luzie“, „Schick mir die Post“ oder „Meine beiden Schwestern“ ziemlich viele Ohrwürmer am Start. Und auch wenn sich in die Setlist zwischendurch noch der ein oder andere Langweiler einschleicht,  ist das mehr, als manche Band mit gerademal zwei Alben im Gürtel von sich behaupten kann.  Wirklich bemängeln lässt sich am Ende allenfalls, dass  Wanda als Zugabe "A Hard Day's Night" von den Beatles anstimmen. Wo „Little Red Rooster“ von den Stones irgendwie passender gewesen wäre. Doch wer ist schon perfekt.

Montag, 26. Oktober 2015

Endlich wieder reckless - Mit "Get Up!" schwört Bryan Adams dem Schnulzensängerdasein ab


Bryan Adams hat endlich wieder Bock auf Rock! Auf seinem neuen Album „Get Up!“ (Polydor), schlägt der Kanadier hörbar härtere Töne an: “If I am gonna go down/ I gonna go down rockin´“, singt Adams im Song „Go Down Rockin'“. Rockfans wird das freuen. Denn in den frühen 80er Jahren hatte sich Adams mit einem Doppelschlag von gleich zwei kanonischen Alben hintereinander, "Cuts Like a Knife" (1983) und „Reckless“ (1984), in ihre Herzen gespielt. Während der 90er Jahre missbrauchte Adams seine markante heisere Stimme dann aber für schlappe Balladen und Filmmusiken wie "All for Love" (Die drei Musketiere), "Please Forgive Me" und "Have You Ever Really Loved a Woman?" (Don Juan DeMarco) und wurde von der Rockgemeinde als Schnulzensänger abgestempelt.
Adams erstes Album mit neuen eigenen Songs in sieben Jahren markiert aber nicht nur die Rückbesinnung auf alte Rock-and-Roll-Tugenden, sondern auch die vollgültige Rückkehr seines alten Kompositionspartners Jim Vallance. Zusammen schrieb das Duo mit dem Händchen für geniale bis banale Melodien einige von Adams bekanntesten Songs wie "Straight From The Heart" oder eben "Summer Of '69". „Es ist einfach so passiert“, sagt Adams dem BRB am Rande eines Konzerts in Karlsruhe. „Wir haben nicht darüber geredet, eine Platte zu machen, wir haben nicht über Geld geredet, es gab keine Verhandlungen und keine Anwälte. Wir haben einfach Songs geschrieben und nach fünfzehn Monaten hatten wir ein Album.“ 
Bryan Adams live in the Color Line Arena, Hamburg, Germany, on June 3, 2007.Foto: Marco Maas

Adams sich mit einem überraschend harten Album zurück: „Auf allen meinen Platten gibt es rockige Momenten, aber ‚Get Up!‘ gehört ist sicher eines meiner drei härtesten Alben. Ich würde es irgendwo zwischen ‚Cuts Like a Knife‘ und ‚Reckless‘ einordnen“, so der Kanadier. Und tatsächlich, auf „Get Up!“ lässt es Bryan Adams, der in drei Wochen seinen 56sten Geburtstag feiert, endlich wieder krachen. Kaum ein Song ist länger als drei Minuten. Das treibende „Brand New Day“ dürfte jedes Stadion in Schwung bringen. Im stampfenden, waveig angehauchten „Thunderbolt“ quieken und fauchen die Gitarren. „‘Thunderbolt‘ sollte ursprünglich der Albumtitel lauten“, sagt der Musiker. „Ich hatte in Deutschland für die Zeitschrift Vogue eine Band fotografiert und dafür eine Gitarre mit Blitzen verziert“, erzählt Adams, der sich neben seiner dreißigjährigen Musikerkarriere einen internationalen Ruf als Fotograf erarbeitet hat. „Die fand ich dann so cool, dass ich sie behalten habe und gleich noch einen mit diesem Titel geschrieben habe.“ 
Doch schwingt Adams auf „Get Up!“ nicht nur den Donnerkeil: Ein flotter Country-Boogie wie der Opener „You Belong To Me“ oder das von einer pluckernden Gitarre und Handclaps getriebene “That´s Rock and Roll” könnte auch von den Traveling Wilburys sein, jener englisch-amerikanischen Supergruppe der Bob Dylan, George Harrison, Roy Orbison, Tom Petty und auch Jeff Lynne, Chef des Electic Light Orchestras, angehörten. Ebenso die den Geist den frühen 60er Jahre versprühende Ballade “Don´t Even Try”. All das verwundert nur, wenn man nicht weiß, dass Lynne bei der Entstehung von „Get Up!“ als Produzent fungierte. „Wenn jemand sagt, diesen oder jenen Song hätten auch Tom Petty oder Roy Orbison singen können, nehme ich das als Kompliment“, kommentiert Adams diesen Höreindruck. „Meine Musik war schon immer handgemacht und Jeffs Hintergrund ist der Rock and Roll. Er hat in den 60er Jahren schon Platten gemacht, die bis heute Geltung haben. Das hat einfach gepasst. Es war für mich das einfachste Album, das ich je gemacht habe.“ 
Musikalisch mag Bryan Adams eher rückgewandt sein, der technischen Entwicklung und deren Auswirkungen auf das Musikgeschäft ist er sich sehr bewusst. Er hält nichts von Streaming-Diensten wie Pandora oder Spotify: „Ich habe ungefähr 20 Alben draußen und ungefähr 700 Millionen Hits auf Youtube. Und raten sie mal, was meine Erlöse aus dem weltweiten Streaming der Jahre 2010 bis 2014 waren: 2500 Dollar!“ 
Da wird Bryan Adams große Welttournee, die er 2016 unternehmen will, vermutlich rentabler werden. Details dazu konnte er noch nicht nennen.

Montag, 2. Juni 2014

B wie popmäßig ein klein wenig minderbemittelt - Bela B. auf "bye"-Tour


Bela im Kölner Gloria.   Foto: Promo/Rene Huemer.
Sie ist lang, die Liste der Rockschlagzeuger, die mehr sein wollten – und damit baden gingen. Im Gegensatz zu Sängern oder Gitarristen kann der Schlagzeuger qua natura seine Kunst nur im Zusammenspiel mit anderen zur Entfaltung bringen. Dazu im Kontrast steht, dass die natürliche Lautstärke seines Instruments den Drummer gegenüber seinen Mitspielern und dem Publikum besonders exponiert (Fehler werden sofort bestraft), ihn sein Arbeitsplatz hinter einer Mauer aus Holz und Metall aber gleichzeitig von allen anderen räumlich isoliert. Das Los des Schlagzeugers gleicht folglich dem des Fußballtorwarts: Er ist ein Einzelkämpfer, der dazu verdammt ist, ein Teamspieler zu sein. Die Versuche, diesem Dilemma zu entkommen, sind in der Rockgeschichte zahlreich, waren aber meist vergebens. Bela B., Schlagwerker der Punk Band Die Ärzte, steht in seinem Bemühen um Emanzipation vom Dayjob also keineswegs allein. Am Mittwoch, 21.5., spielte er mit seiner Begleitband Smokestack Lightnin´ im Substage.
Die Grundprobleme sind schnell skizziert: Entweder sind die Solowerke von hauptberuflichen Stöckeschwingern am Ende zu jazzig, wie etwa Jack Irons (Red Hot Chili Peppers, Pearl Jam, Spinnerette) „Attention Dimension“. Einfach nur überambitioniert wie das legendär schlechte Soloalbum von Peter Criss (Kiss). Total weichgespült wie alles von Phil Collins (Genesis). Oder schlicht albern wie „Dance With The Devil“ beziehungsweise „Tilt“ von Cozy Powell.
Wo steht also Bela B. in diesem Koordinatensystem? Irgendwo dazwischen. Der Graf hat den epischen Breitwand-Country von Lee Hazlewood und Waylon Jennings der 70er, als glitzernde Nudie-Anzüge mit Strass-bestickten Hanfblättern en vogue waren, gut studiert. Dazu gibt es ein paar Surfelemente, Garage Rock, Rockabilly und, man muss es leider sagen, Schlager. Das alles ist nett und auch recht authentisch ausgeführt, mit fünfköpfiger Band und vielen „Balablabb“- und „Shobidooh“-Hintergrundchören sowie witzigen Texten. Indes fehlt der grandiose Popappeal der Ärzte. Im Vergleich zu einem Song wie „Dinge von denen“ ist Belas Single „Immer so sein“ einfach, ähem, B-Ware.
Die ganze Angelegenheit ließe sich also unsentimental in die Gescheiterte-Geltungssüchtige-Schlagzeuger-Tonne der Pophistorie kloppen, wäre Bela B. nicht der begnadete Entertainer, der er nun mal ist: Der Wahlhamburger trägt übergroße Ringe am Finger, ein Hemd, dessen 50 Zentimeter lange Fransen aussehen wie Klavierseiten, darunter Plauze. Trotzdem schafft er es auch im nicht mehr ganz jugendlichen Alter von 53 Jahren immer noch, 14-Jährige Mädchen mit einer hochgezogenen Augenbraue zum Kreischen zu bringen. Das muss dem passionierten Tollenträger erstmal einer nachmachen. Respekt Herr B.
Ansonsten führt Bela B. mit der Ärzte-typischen Mischung aus Arroganz und Selbstironie durchs Programm. Witzelt mit seiner Duett-Partnerin Peta Devlin über seine Knoblauchfahne und schreckt auch vor der einen oder anderen Tanzeinlage nicht zurück.
Musikalisch also vielleicht nur Holzklasse, aber vom Spaßfaktor her erste Kajüte!

Dienstag, 20. Mai 2014

Kleingeldprinzessin ganz groß - Dota und Band

Dota on stage in München. Foto: Uwe Lischka
Nein, wie eine Prinzessin sieh Dorothea Kehr nicht aus: Die langen braunen Haare sind schlicht zusammengebunden, das schwarze Oberteil schlabbert ein wenig um den knabenhaften Oberkörper, dazu ein einfacher halblanger dunkler Rock und kniehohe Stiefel. Früher firmierte sie als Kleingeldprinzessin und ihre Begleitmusiker als Stadtpiraten. Stünde Dota, wie sich die ehemalige Straßenmusikerin inzwischen ganz unglamourös verkürzt nennt,  am Sonntag, 11. Mai, unten im Zuschauerraum und nicht auf der Bühne des Karlsruher Tollhauses, sie würde kaum weiter auffallen. Sobald die Berlinerin allerdings den Mund aufmacht, ist es ganz und gar vorbei mit der Biederkeit. Die Mitdreißigerin mag nicht über großen Star-Appeal oder besondere stimmliche Gaben verfügen, dafür kann sie Texten, als wäre sie als kleines Kind in einen Kessel mit Buchstabensuppe gefallen. Heliobacter auf „Geld verdirbt den Charakter“ zu reimen, ohne sich lächerlich zu machen, das schafft schließlich nicht jeder.
Apropos Konsum- beziehungsweise Zivilisationskritik: Gleich zu beginn macht Dota klar, dass sie beim Singen nicht gefilmt werden möchte, „denn das gibt mir die Möglichkeit, mich so zu verhalten, wie wenn ich nicht gefilmt werde.“ Das sollte nicht die letzte Kampfansage an Technikverliebtheit und Fortschrittsglauben bleiben an diesem Abend. „Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen/ es geht um die ganze Bäckerei“, macht die Sängerin in „Utopie“ klar. „Die Erde ist eine Scheibe/ und bis zu ihrem Rand – Erschlossenes Land“, heißt es im gleichnamigen Song. Darin, komplexe Probleme in einfache und doch poetische Worte zu fassen, ist die die Kleingeldprinzessin – der Europawahlkampf macht es einmal mehr deutlich – der deutschen Politelite ein gutes Stück voraus.
Neben reichlich Sozialkritik und politischen Themen wird viel Nachdenkliches geboten: „Von nahem besehen ist jedes Glück mühsam“, weiß Dota. Aber auch, dass wer ganz oben ist, bei regen als erster nass wird. Und viele Menschen leider „viel zu viel Ärger und viel zu wenig Mut“ haben. Das sind große Wahrheiten in kurze Sätze gepackt.
Fleißig beackert wird auch das Feld der Liebe, stets unpeinlich, weil völlig kitschfrei, dafür oft vor krudem Humor sprühend, der gar nicht selten in surrealistischen Traumsequenzen oder auch blankem Unsinn gipfelt. Etwa wenn die Erzählerin ihre Blumen wegwirft und die Katze verschenkt, um mit diesem blonden Typen und seinem roten Rennrad durchzubrennen.
Klar, ist das alles irgendwie Mädchenmusik. Aber ohne die blassrosa sozialromantische Muschelketten-Ästhetik, die Wir sind Helden so unerträglich machte. Mehr im Sinne von Funny van Dannen, wenn er im Lied „Mädchenmusik“ singt: „Man konnte prima tanzen und auch gut überlegen /Man konnte klasse küssen und sich so komisch bewegen.“
Den stilistischen Rahmen dazu bilden Bossa Nova, 70er Fahrstuhl-Jazz, Reggae und Folk. Allerdings  werden die technisch versierten Musiker kaum je von der Kette gelassen. Wie auch, macht Kehr doch eigentlich Literatur mit Hintergrundmusik. Dennoch verstehen es Jan Rohrbach an der E-Gitarre, Janis Görlich am Schlagzeug und Jonas Hauer an den Tasten, sich immer wieder mit kleinen Tricks in Szene zu setzen. Etwa wenn Görlich in bester Jerry Lewis-Manier eine Schreibmaschine als Percussions-Instrument benutzt.
Dota und Band liefern die musikalische Entsprechung von Slow Food: Authentisch, bewusst, aber trotzdem nicht genussfeindlich oder gar sektiererisch. Klasse! Dota mag nur eine Kleingeldprinzessin sein, ihr Wortschatz ist unbezahlbar.








Freitag, 27. September 2013

Passen nur in die ganz große Schublade - De Staat


De Staat passen in keine Schublade – es sei denn, eine kolossal große. Denn die stilistische Bandbreite, welche die Niederländer auf ihrem dritten Langspieler „I_CON“ (Cool Green/Mascot) abdecken, erstreckt sich von schräger 60er-Jahre Beatmusik („Build That, Buy That“) über pechschwarzen 80s Wave (“Get in Together”/„Refugee“) bis hin zu fiebrigem Säbeltanz-Synthie-Rock („Make Way For The Passenger“). Als musikalische Referenzen können daher sowohl Funny Farm als auch Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, Crazy World Of Arthur Brown, Kraftwerk, Soft Cell oder Planet Claire herhalten. Auf manchen Konsumenten mag dieser Stilmix eher konfus wirken, aber De Staat verfügen über das Songmaterial mit dem nötigen Quäntchen Popappeal, um mit diesem euphonischen Irrsin durchzukommen – dazu sind sie eines sicher nicht: langweilig.

Foto: Promo

Dienstag, 17. September 2013

Rockpioniere im Rentnerparadies - Die Toten Hosen mischen das SWR3 New Pop Festival in Baden Baden auf

Campino bei einem Konzert in Berlin 2013. Foto: Promo/Carla Meurer und Gregor Fischer

«Macht so weiter, draußen auf den Straßen von Baden-Baden», rief Moderatorin Barbara Schöneberger den enthusiasmierten Toten Hosen-Fans im prächtigen Festspielhaus der Kurmetropole zu. Mit rüden Rempeltänzen und  Sprechchören hatten die den Auftritt der Düsseldorfer beim sogenannten «Special» am Samstag, das den Abschluss des dreitägigen SWR3 New Pop Festivals bildete, garniert. Mit einer energiegeladenen Best off-Show haben die Punk-Veteranen auf den Umstand reagiert, dass der Südwestrundfunk ihnen den Titel «Pioneer of Rock» verliehen hat. Wie Sänger Campino launig kommentierte, «nicht gerade ein Nachwuchspreis».
Laudator Wolfgang Niedecken, seines Zeichens angejahrter «Kölsch-Pionier» und Sänger der Mundart-Combo Bap, tröstete den Kollegen mit einem Lindenberg-Zitat: «Hinterm Lebenswerk geht´s weiter!» Wenigstens wurde den stets auf die Bewahrung eines Rests Straßenköter-Integrität bedachten Hosen zum wurmstichigen Pionierstand noch das eherne Prädikat «Rock» verliehen. Wohingegen die Scorpions, die der Welt immerhin  unvergängliche Hardrock-Hymnen mit so sprechenden Titeln wie «Rock you like a hurricane» hinterließen, bevor sie in den 90ern auf ihre Stromgitarren zu pfeifen begannen, vom öffentlich-rechtlichen Preisstifter vor zwei Jahren folgerichtig zu Pop-Pionieren degradiert wurden.
Den Nachweis, dass sie auch jenseits der fünfzig – mancher wird da ja schon frühverrentet – noch nicht reif fürs Altenteil sind, blieben die Toten Hosen wie erwähnt nicht schuldig. Doch der erste Liveslot gehörte James Blunt, der mit so handgedrechselten wie geschmackvollen Alabaster-Pop-Perlen wie „Blue On Blue“ oder „Bonfire Heart“ auf einer Welle der Begeisterung surfte – und später sogar auf seinem Piano.
Alex Hepburn, als „Englands sexiest Schulabrecherin“ und neue Janis Joplin angekündigt, was definitiver Unsinn ist (zumindest das mit Janis), lieferte hingegen einen etwas hölzernen Auftritt zum Halbplayback. Immerhin war zu merken, die richtige Stimme hat sie, wenn auch zur falschen Musik. Pseudorockigen aber dafür glamourösen Powerpop kann Pink besser.
Tim Bendzko schließlich kam und tat, was er am besten kann: der sympathische Tim Bendzko sein. Bemerkenswert ist allerdings, dass der Berliner nach dem großen Erfolg seines 2011er Debüts „Wenn Worte meine Sprache wären“ inklusive dem Monsterhit „Nur noch kurz die Welt retten“, nicht den Boden unter den Füßen verloren hat, sondern wie zu hören war mit „Am seidenen Faden“ einen richtig guten Nachfolger vorgelegt hat.
Dann kamen die Hosen: Campino läuft schon  nach fünf Minuten schon die Soße runter, die Saitenfraktion beharkt ihre Instrumente mit routiniertem Starrsinn und Schlagzeuger Vom Ritchie, der timingmäßig immer ein wenig zu früh dran ist, verhindert mit seinem nervösen Spiel bravourös und verlässlich, dass das ganze irgendwann doch noch in bloßen Pop-Mainstream abgleitet.
Übelwollende könnten jetzt vermuten, dass die Hosen auch nach dreißig noch so frisch wirkten, liege allein am bedächtigen Charme des badischen Rentnerparadieses, in dem sie heute auftreten. Doch so ist es ganz offensichtlich nicht, führt uns aber zurück zum eingangs dokumentierten subversiven Aufruf der Schöneberger. Denn ein Musikfestival, bei dem die schwarzen Sherriffs, die hier Anzüge statt Overalls tragen, schon nervös werden, wenn man sich mit einem Bier in der Hand vom Foyer des Barocktheaters in den Innenraum begeben möchte – oder noch schlimmer, gar auf die Straße! –, wo der britische Liedermacher Tom Odell im Verein mit einer Bande Langhaariger gerade einen donnernden Bluesrock-Jam hinlegt, und der höchste Grad von Rock´n´Roll-Rebellion darin besteht, in der Langen Straße besoffen an einen Laternenpfahl zu pinkeln, könnte gelegentlich einen Hauch frischen anarchischen Windes vertragen.
Denn, den Publikumserfolg einmal beiseitegelassen – die 20 000 Tickets für die 10 Konzerte waren binnen kurzem ausverkauft –, nicht alles was öffentlich-rechtliche Radiomacher gerne über den Äther schicken, ist wirklich neu oder gar in künstlerischer Hinsicht spannend. Am Donnerstag zum Beispiel wurde allein der mittelenglische Liedermacher Jake Bugg mit einer erfrischend unprätentiösen Darbietung dem Etikett «Trendfestival der Popmusik», mit dem der  Sender die Veranstaltung schmückt, gerecht.
Die hochgelobten aber musikalisch allzu anbiedernden und sehr beliebig zwischen Arcade Fire und Coldplay agierenden Indie-Rock-Newcomer Bastille etwa würden es anderswo nicht einmal in den Fahrstuhl schaffen.
Auch dem jungen englischen Zahnspangenwunder Birdy kann mit seinem 2011 veröffentlichten Debüt immerhin noch das Attribut «neu» beigestellt werden, was keineswegs für alle Acts galt. Noch muss die 17-Jährige, das zeigte sie am Freitag im Festspielhaus, aber den Unterschied zwischen emotional und  schwülstig lernen.
Später am Abend überzeugte dafür der schon erwähnte Tom Odell. Der 22-jährige Pianostühle herumkickende Singer-Songwriter überraschte mit einer Kraft strotzenden Reminiszenz an gute britische Bluesrock-Traditionen. Ebenso mitreißend agierte das schottische Trio Biffy Clyro («Bubbles»), zu dessen Beschreibung in  Anbetracht seiner neo-progressiven musikalischen Ausrichtung und fast 18-jährigen Bandgeschichte allerdings wieder die Prädikate «Neu», noch «Pop» nicht passen.
Dem Baden-Badener Publikum freilich waren solche Feinheiten im feuilletonistischen Diskurs offenkundig herzlich schnuppe. Drei Tage lang wurde «ordentlich aufs Blechle gehauen» (Schöneberger) und jeder etwaige Anflug von Langeweile unverdrossen und rhythmisch weggeklatscht – wie sich das auch bei Marianne und Michael schon seit Jahren bewährt hat.
Aber es gibt ja noch die Toten Hosen und die Schöneberger und ihr gemeinsames Plädoyer für die ungehemmte Freisetzung der aufsässigen Urkraft des Pop. Allein, es blieb beim Ideellen – und ruhig auf Baden-Badens Straßen.