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Sonntag, 6. Mai 2018

House Of Broken Promises: Twisted


Mit House Of Broken Promises melden sich die beiden ehemaligen Unida-Mannen Arthur Seay (Gitarre) und Miguel Cancino (Drums) zurück auf der Bildfläche. Allerdings gibt’s mit „Twisted“ und „Toranado“ leider nur zwei originäre neue Songs, die allerdings klingen als wären sie von Golden Earing, Tito And Tarantula und Kyuss im Drogenrausch gemeinsam eingespielt worden. Bedeutet also: Maximaler Spaßfaktor. Das Billy Squire-Cover „The Stroke“ geht ebenfalls in Ordnung, an ursprünglich von Dio eingesungenen Songs, kann man sich hingegen nur die Finger verbrennen (hier: „Lady Evil“). Dazu gibt´s zwei Demo- und einen Live-Song. Was nicht unbedingt B-Ware, aber natürlich Abstriche beim Sound bedeutet. Nach so langer Zeit hätte ich mir insgesamt mehr erwartet.

Montag, 22. Februar 2016

Königlicher Thrash-Genuss - Anthrax veröffentlichen "For All Kings"


Vor der endgültigen Rückkehr von Sänger Joey Belladonna 2010 hatte es schon verflixte sieben Jahre lang keine neue Musik von Anthrax zu Kaufen gegeben. Stattdessen hatten die New Yorker mit bandinternen Querelen und kaum nachvollziehbaren Besetzungswechseln viel Kredit bei den Fans verspielt. Das 2011er Comeback-Album „Worship Music“ hatte dann lediglich durchwachsene Reaktionen geerntet. Die Big-Four-Thrash-Veteranen hatten mit ihrem neuen Langspieler, der am Freitag, 26. Februar, erscheint also durchaus etwas zu beweisen. Und? „For All Kings“ (Nuclear Blast/Warner Music) ist der erhoffte Befreiungsschlag geworden! Zwar greifen einen Anthrax mit diesem Album nicht unmittelbar am Nacken und schütteln einem rüde die Birne durch wie man das aus früheren Zeiten gewohnt war. Aber nach einigen Durchläufen entfaltet „For All Kings“ seine Kraft: Schon der Opener „You Gotta Believe“ ist eine rhythmisch ausgefeilte Achterbahnfahrt von einem Song. Daneben gibt es progressiv angehauchte Epen wie „Blood Eagle Wings“, verzwirbelte  Riffomanien wie „Evil Twin“ und klassische Mosh-Pit-Kracher wie „Suzerain“ oder „Zero Tolerance“. Die Klammer, die dieses äußerst variable Songmaterial zusammenhält, ist die Stimme von Joey Belladonna, dessen Gesangsarbeit beim majestätischen Titeltrack selbst Ronnie James Dio nicht hätte peinlich sein müssen. „For All Kings“ trägt seinen Namen zu Recht. Dieses Album ist ein königlicher Genuss für Thrash-Fans. 
Melden sich lautstark zurück: Anthrax Foto: Stephanie Cabral
  



Montag, 15. Februar 2016

Wildern in Opas Plattensammlung - Pristine

Tromsø in Norwegen ist die nördlichste Großstadt der Welt. Da sind die Nächte lang und die Winter kalt und man hat viel Zeit sich mit Opas Plattensammlung auseinanderzusetzen. Auf ihrem ersten international erscheinenden Longplayer lassen PRISTINE folglich Sounds ertönen, die schon unseren Vorfahren lieb und teuer waren: Auf „Reboot“ finden sich flotte, DEEP-PURPLE-angehauchte Rocker wie “All of my Love” oder das Tanz-animative “Bootie Call”. Der Jazz-rockige Titeltrack wiederum erinnert ein wenig an die Prog-Pioniere COLOSSEUM. Bei „The Middlemen“  lugt dann SANTANA zwischen allen Gitarrensaiten hervor, während das atmosphärische „California“ den FLEETWOOD MAC der Peter-Green-Ära huldigt. Schließlich gibt es mit “All I want is you” sogar noch ein nettes Psychedelic-Ballädchen (Schrummelorgeln, Hallgitarren und alles). Dabei sind PRISTINE keine bloßen Retro-Schrammler, sondern hörbar richtig gute Musiker, allen voran Sängerin Heidi Solheim. Was vielleicht fehlt, sind ein zwei wirklich herausragende Ohrwürmer, aber Psychedelic-Freaks und Fans klassischen Rocks sollten PRISTINE eine Chance geben.
Machen auch im Schnee Spaß: Pristine Foto: Marius Fiskum
 

Montag, 13. Juli 2015

The Coconuts stehen mit beiden Füßen fest im Eiskübel

Surf Rock aus Karlsruhe? Passt! Besonders bei den aktuellen Temperaturen. Den Mini-Stirnband-Ventilator auf die höchste Stufe stellen, die Füße in einen randvoll befüllten Eiskübel stecken, eine Pina Colada schlürfen und dazu das Debut von The Coconuts auflegen. Das ist das perfekte Hitzekoller-Kontrastprogramm. 
Klar, musikalisch erfindet das Quartett das Rad respektive Surfboard nicht gerade neu. Die stilistischen Trademarks der in den 60er Jahren in Südkalifornien populär gewordenen Instrumetalmusik sind alle da: Schnell gezupfte, orientalisch angehauchte „nasse“ Reverb-Gitarren, Pum-Tata-Pum-Tat-Drums und gelegentlich ein wenig E-Piano-Schlock. Kurz, im Wesentlichen sind The Coconuts stark von Dick Dale and the Del-Tones inspiriert und verbinden darüber hinaus Einflüsse von Dick Dale and the Del-Tones mit der Musik von Dick Dale and the Del-Tones. Aber was soll man in einem Genre, das derart von Dick Dale and the Del-Tones geprägt wurde auch groß anderes machen? Ein paar Ramones-Riffs einbauen und neben ordentlich Orange-County-Feeling mit gelegentlichen Heys und Has auch ein bisschen Ennio-Morricone-Atmosphäre verbreiten, wie es The Coconuts zwischen durch immer wieder tun, zum Beispiel.  Ein Übriges tun witzige Songtitel wie „Achtung Naggich!“, „Saunahonig“ und „Thunderstorm à la Plage.
Den Live-Test haben die 12 Songs auf der selbstbetitelten Scheibe jedenfalls schon bestanden. Ausgelassene Baggersee-Feten-Stimmung herrschte bei der Plattentaufe am Freitag, 26 Juni, in der sehr gut besuchten Alten Hackerei.
Erhältlich ist The Coconuts als Vinyl oder Download hier.

Dienstag, 26. März 2013

Maden in Rotwein - Neues Album von Shy Guy At The Show


Nach ihrem letzten Studiowerk „The Birth Of Doubt“ hatten Shy Guy At The Show (SGATS) wohl endgültig mit den himmlischen Autoritäten verspielt. Das monumentale Konzeptalbum der kultivierten Düster-Rocker kreiste um die ziemlich bizarre Story eines gefallenen Engels, der sich nach dem Absturz, frei nach Goethes Hymne „Prometheus“, mit den Niederungen des irdischen Daseins auseinanderzusetzen hatte. Schluss, aus, ewige Verdammnis! Doch jetzt setzt das lichtscheue Quintett aus Karlsruhe mit seinem neuen, selbstbetitelten Album (VÖ: 5. April via Équinoxe/Nova MD) erneut an, abzuheben. 


Das Wagnis sollte gelingen! Denn was SGATS auf Platte Nummer vier abliefern, ist einfach ganz, ganz großes, episches, romantisches Goth-Kino. Die Band um den byronesquen Frontmann Sebastian Emling klingt inzwischen künstlerisch derart überreif, als hätte Nick Cave mit den Sisters of Mercy in einer schummrigen Krypta viel zu viel blutschweren im Eichensarg ausgebauten  Rotwein geschlürft; und ein Ghul, der Alan Wilder war, dazu die Keyboards gespielt. SGATS nehmen ihre Zuhörer mit hinab ins Reich düsterer Lyrics und spielen sich dann mit Macht zurück an die spiegelnde Oberfläche ihres flirrenden Dark Wave.
Doch eine Spazierfahrt ins Grüne ist dieser düstere Goth-Trip weiß Gott nicht: Bergwärts geht die Reise zunächst, hinauf zu von dunklen Synthies umwölkten schneebedeckten 80er Koksgipfeln („Clouds Of Air“). Dann wieder hinab zu deren ehernen Wurzeln, die bis hinunter in bodenlose Rohypnol umspülte Dunkelpop-Abgründe reichen („Tenderness“).
Aus den lebensfeindlichen Tiefen wird der Reisende herausgespien wie Jonas aus dem Bauch des grauenerregenden Leviathan. Unsanft landet er auf endlosen froststarren Elektronika-Ebenen („Home“). In der Ferne ragen verschwommen die halbversunkenen monolithischen Klagemauern äonenalter Tempel aus dem Nebel der Zeit („Walls Of Misery“). Drinnen starren die stummen Standbilder schattenhafter Götter-Dämonen aus schwarzem Basalt mit blinden Marmoraugen in die ewige Finsternis feuchter New Wave-Grüfte („Tears Of Ice“).
Doch auch einige tröstliche Momente gibt es. Sie sind voll sanfter Poesie: Eine Ballade („76 Degrees“) lässt am Ende dämmriger madenzernagter Tunnel die Sonne aufgehen, Erlösung verheißend. Doch wehe, unglücklicherweise sitzt in der leuchtenden Aureole der Herr der Fliegen persönlich – mit gespenstisch hohlem Kehlgesang höllische Folk-Songs intonierend („Walk With The Devil“).
Nichts, absolut nichts ist an diesem Album gewöhnlich, nichts fantasielos, nichts langweilig – aber vieles Großartig! Die Releaseparty wird am Freitag, 5. April, ab 20 Uhr, im Radio Oriente gefeiert. Weitere Infos: www.sgats.de




Freitag, 1. Februar 2013

Herz vergeben, Herz verschenkt: "Magma" von Selig kann nicht überzeugen

Die neue Selig gehört sicherlich nicht zu den Alben, auf die der Rezensent seit Jahren mit schwitzigen Händen gewartet hat. Auch habe ich die Reunion von 2008 nicht verfolgt. Ttrotzdem habe ich mir „Magma“ sehr gerne angehört. Denn wer erinnert sich nicht an die – Vorsicht Kalauer – seligen Zeiten mitte der 90er, als die Hamburger in psychedelischer Kriegsbemalung wie halbnackte Wilde die deutschen Bühnen grooverockten, wie sonst nur Soundgarden oder die Stone Temple Pilots auf der anderen Seite des Atlantiks. Und Jan Plewka mit schmerz- und alkoholzerfressener Stimme „Du kennst mich nicht (doch ich liebe dich)“ krächzte. Oder, trotz Dauerberauchung, eine mit genialen Beiläufigkeiten, wie „Langeweile besäuft sich meilenweit“ und „Ich gab dir meine Liebe, Zeit, Geduld und Geld“, ausgestattete Liebeshasstirade wie „Ohne Dich“, vielleicht die famoseste der letzten dreißig Jahre in deutscher Sprache, abzuliefern in der Lage war. Das war übrigens bevor Großstadtneurotiker wie Tocotronik und anderes niederes Gewenz deutsche Rockmusik in Verruf brachte.
Doch das ist, sniff, der Schnee von gestern. Wie sieht es heute aus?  Im Opener „Ich lüge nie“ rifft Christian Neander knackig nach vorne und Malte Neumann lässt die Orgel jaulen, den Text könnte man als selbstironische Beteuerung einer Unschuld interpretieren – die natürlich schon lange verloren ist. Ziemlich klasse für eine Gruppe älterer Herren!
Dann ein kleiner Schock! Die Single „Alles auf einmal“ grenzt fast schon an Pur-haften Wellness-Pop: "Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte nicht alles auf einmal / Ich verliere meine Mitte, und das hatten wir schonmal / Ein Leben im Überflug mit Leichtsinn und Selbstbetrug / Nie genug, nie genug." Schön, der Mann hat einiges mitgemacht in der Vergangenheit und ein gewisses Bemühen um inneres Gleichgewicht mag einem Rocker mittleren Alters durchaus gut zu Gesicht stehen, trotzdem ist solche Stuhlkreis-Lyrik nur erträglich, wenn man sie als Referenz auf vergangene Entgleisungen liest.
Leider gilt das auch größtenteils für den arg spannungsarm und reibungslos dahinplätschernden Rest: „Alle reden das gleiche und die Musik ist so lala“, heißt es in „Bring mich heim“. Das könnte man so stehen lassen, gäbe es nicht doch noch ein paar Lichtblicke. Etwa den rockigen Ausreißer "Love & peace", eine aus zeitgeschichtlichen Schlagworten bestehende Collage aus „MfG“ und „We didn't start the fire“ auf Selig. Oder den anheimelnden Folk-Blues „Der Tag wird kommen“. Bessere Zeiten mögen für Selig-Fans noch bevorstehen. Für „Magma“ gilt allerdings: Es kommt oft anders, als man denkt.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Elefantenärsche aus der Hölle - Die Speed-Metal-Veteranen Helloween veröffentlichen morgen ihr neues Album



Mit der Veröffentlichung ihres neuen Albums am morgigen Freitag weichen die Speed-Metaller Helloween vom traditionellen Erscheinungsdatum, ihrem Namenstag am 31. Oktober, ab. „Wäre die Welt mit Ablauf des Mayakalenders am 21. Dezember untergegangen, hätten wir uns so wenigstens die Proben für die kommende Tour erspart“, sagt Sänger Andi Deris bei der Vortsellung von „Straight Out Of Hell“ in einem Karlsdorfer Studio.
Gemeinsam drängen sich Band und das gute Dutzend Journalisten im beengten Kontrollraum – sonst der Arbeitsplatz von ein zwei Toningeneuren –, der angefüllt ist mit einem gewaltigen Mischpult und hoch aufstrebenden Boxentürmen. Aus letzteren wälzt sich, nach einem oriantalisch anmutenden, stark an Rainbows „Gates Of  Babylon“ erinnernden, Keyboardintro, der erste Track "Nabataea". Ein 7-minütiger Parforceritt durch diverse Takt- und Tempiwechsel, ausgestattet mit einem überaus ruppigem Gitarrenriff und einem Refrain in Fimose verursachender Falset-Höhe. „Die Parallelen zu Rainbow waren mir garnicht bewußt“, gibt Komponist Deris zu, „aber als Dio-Fan freut mich das natürlich.“ Textlich dreht sich das Epos um jene untergegangene Kultur von Wüstennomaden, welche in Jordanien die berühmten Felsengräber von Petra hinterließ.
„World Of War“ ist eine typische Helloween-Hochgeschwindigkeits-Nummer mit ebenso charakteristischem Kinderlied-Chorus. Gerade als dem Hörer die Zeit schon etwas lang wird, bringen ein tribaleskes Bass-Schlagzeug-Zwischenspiel und ein ADHS-getriebenes Gitarrensolo die Aufmerksamkeit zurück.
Prächtig marschieren lässt es sich hingegen zum in mittlerer Geschwindigkeit gehaltenen "Live Now!", das mit einem parolenhaftem Kehrvers, Ohoh-Chören und psychedelischen Interludium gefällt.
Mit einem strammen Backbeat ist "Far From the Stars" unterlegt, bleibt sonst aber eher unauffällig – trotz eines der vielen gelungenen Gitarrensoli. Könnte sich dank des eingängigen Refrains aber zu einer mitreissenden Livenummer entwickeln.
Eine seiner aggressivsten Gesangsperformances liefert Deres auf "Burning Sun" ab. Ausgefallen sind auch der piratenfreundliche Shanty-Chorus und das vertrackte Drumming während des Verses.
Wie der Name schon sagt, beginnt "Waiting for the Thunder" eher verhalten. Doch muss man auf den Donner nicht lange warten: Der Refrain knallt nach der Ruhe vor dem Sturm umso mehr.
Gedämpft, nur mit Piano und Akkustikgitarre, beginnt auch "Hold Me in Your Arms". Eine klassische Power-Ballade, deren sehr gelungene Bridge gehörig Spannung aufbaut, die der langatmige Refrain aber leider nicht halten kann.
Drohend rollende Kriegstrommeln ertönen, darüber erklingt rezitativer Gesang, dazu jubelnde Massen und eine „Priest“-Gitarre. "Wanna Be God" verbreitet eine athmosphärische Mischung aus Indianerlager und Circus Maximus. Gelungener Aufwecker.
"Straight Out of Hell" wartet auf mit einem Kreissägen-Gitarrenriff, einer erhebenden Bridge, die in einen prächtigen Mitgrölrefrain mündet und einem weiteren hemmungslosen Gitarrensolo. Das ist Speed-Metal, wie er sein soll – ein würdiger Titeltrack.
Ein gewaltiges Riff, ein brutaler Chorus: "Asshole" ist so heavy, es kann sich hier nur um einen Elefanten-Anus handeln.
Mit "Years" zeigt Andi Deris, dass er sogar mit sich selbst im Kanon singen kann. Der Refrain hat schon fast etwas schlagergaftes, gleitet dank kompositorischer Ecken und Kanten aber nicht ins Kitschige ab.

Bei "Make Fire Catch the Fly" treten Helloween wieder das Gaspedal durch, der bedrohliche Refrain tut ein Übriges.

Glockengeläut, Kirchengesang nebst Orgel, "Church Breaks Down" läutet das letzte Stündlein ein. Zum Abschluss gibt es nocheinmal das volle Brett, aufgelockert durch eine instrumentell fein verwobene Bridge und ein überrschendes Break.

Fazit: Auf dem „7 Sinners“-Nachfolger blicken die Kürbisköpfe trotz der erwähnten Weltuntergangsängste weit verschmitzter aus den kerzenerhellten Schlitzaugen als zuletzt. Nach einer vollen Stunde nahezu ununterbrochenen Speed-Metal-Bombardements fühlt sich der Hörer dennoch fast erschlagen. Helloween halten das Tempo dauerhaft hoch, sorgen aber mit vielen liebevoll ausgearbeiteten Details für Spannung. Besonders auffällig: die durchweg virtuose Gitarren- und Schlagzeugarbeit. Insgesamt vielleicht kein Über-Album, aber für eine so routinierte Band überraschend frisch und Abwechslungsreich.