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Freitag, 28. Oktober 2016

Bier-Zombies und Hits: Red Fang erfüllen alle Erwartungen



Während Red Fang zu Hause in den USA schon in populären Fernsehformaten wie der Late Show with David Letterman zu Gast waren, ist das Quartett aus Oregon hierzulande noch nicht wirklich über den Geheimtipp-Status hinausgekommen. Der Aufstieg ist langsam aber stetig: Am Sonntag präsentierte die Band ihren neuen Langspieler „Only Ghosts“ im Substage, während auf der vorangegangenen Tour noch das kleinere Universum in Stuttgart bespielt wurde.
Als Spezialgast waren Torche mit dabei. Der Vierer aus dem sonnigen Florida konnte mit einer etwas kuriosen Mischung aus Stoner Rock, Sludge, Metal, Prog und, nun ja, New Romantic begeistern. Schade dass der Sound derart mit Hall zugekleistert war, dass sowohl die überaus knackigen Riffs als auch die mitreißenden gefühlvollen Melodien von Mainman Steve Brooks viel ihrer Eindringlichkeit einbüßten. Dicker Pluspunkt: Das einfallsreiche Spiel von Drummer Rick Smith, der sich mit seinen fantasievollen Choreografien und rumpelstielzchenhaftem Gehampel als eigentlicher Blickfang der Formation erwies.
Dann war es Zeit für Red Fang. Vielleicht noch etwas zu früh am Abend. Denn die Kauzrocker stolperten auf die Bühne wie eine Truppe vorzeitig gealterter College-Studenten, die nach einer viel zu kurzen Nacht  gerade aus dem Bett gefallen sind. Der Wucht ihrer Performanz nahm das freilich nichts: Die schweren Gitarrensounds von Aaron Beam und David Sullivan wälzen sich aus den Boxen wie diese Pharao-Schlangen, die früher beim Tischfeuerwerk als meterlange stinkende Rußwürste aus einem nur zentimeterhohen Zylinder krochen. Darunter legt die Rhythmussektion aus  Aaron Beam (Bass) und Drummer John Sherman ein pulsendes, wummerndes Fundament. Dazu gibt es Refrains, die wahlweise nach Katersonntag oder „Du kannst mich mal!“-Attitüde klingen.
Dank allerlei kompositorischer Winkelzüge verlieren sich Red Fang aber nicht im repetitiven Nirvana. In den trüben Tiefen unter der Oberfläche lauert stets die nächste (unangenehme) Überraschung. So vielschichtig und gemein sind manche Songs wie eine dieser abgepfiffenen Horror-Stories von Schreckens-Altmeister H.P. Lovecraft.
Trotz aller abseitigen Schrulligkeit verabsäumen es Red Fang nicht, den einen oder anderen Hit abzuliefern. Wie der Opener „Wires“ oder die in den USA recht erfolgreiche Single „Blood like Cream“ oder das unverschämt abgehende „Crows in Swine“ mit eingängigen Hooks und prallen Refrains beweisen.
Ach ja, ein nimmer versiegender quell der Freunde sind auch die irrwitzigen Musik-Videos von Red Fang, in denen die Band unter anderem blutrünstige Abenteuer mit durchgeknallten Rollenspielern oder durstigen Bier-Zombies zu bestehen hat.


Sonntag, 28. August 2016

Exodus: Eine Lektion in Heftigkeit

Rückkehrer in Top-Form: Steve "Zetro" Souze. Foto: Serguei Trouchelle
Für alle die es nicht wissen: Exodus sind die Band, bei denen sich Metallica seiner Zeit abgeguckt haben, wie´s richtig geht. Der Beweis: Einige frühe Metallica-Hits wie „Creeping  Death“ oder „Trapped under Ice“ basieren auf Riffs der Kalifornier. Weil die Thrash-Pioniere aber vergaßen, rechtzeitig eine Platte herauszubringen, hatten  James Hetfield und Co schon zwei Alben draußen, als ihre einstigen Vorbilder endlich mit ihrem Debut um die Ecke kamen.
Egal, „Bonded by Blood“ wurde das vielleicht einflussreichste Thrash-Album aller Zeiten und mit den beiden Nachfolgern Pleasures of the Flesh (1987) und Faboulous Disaster (1989) gelang Exodus ein Metal-Hattrick, der bis heute unübertroffen ist. Und: Im Gegensatz zu ihren kommerziell ungleich erfolgreicheren Kollegen, haben sie nie vergessen, was eine richtige Harke ist – weshalb nicht wenige Fans der Auffassung sind, dass der San-Francisco-Fünfer eigentlich die besseren Metallica sind.
Dass dieser Standpunkt nicht ganz abseitig ist, konnte man beim Konzert am Montag, 15.8., im Substage erleben: Exodus trugen nicht nur „Fuck-Isis-T-Shirts“, sondern auch armlange Schweißbänder. Und die brauchten sie auch. Denn mit den doppelläufigen Gitarren-Soli, Stuka-Riffs und knatternden Drums, von denen Genre-Klassiker wie „And Then There Were None", „War Is My Shepherd“  oder „A Lesson in Violence“ nur so strotzen, erzeugen Exodus genug Feuerkraft, um den ganzen sogenannten islamischen Staat bei Kapstadt ins Meer zu treiben.
In Abwesenheit von Gitarrist und Bandkopf Gary Holt, der vermutlich irgendwo seinem lukrativen Nebenjob als Aushilfsgitarrist  von Slayer nachgeht, musste der zurückgekehrte Steve „Zetro“ Souza am Mikro die Show alleine schmeißen. Schwer fällt das diesem trotz seiner mittlerweile 52 Jahre nicht. Zum ersten ist seine Charakteristische Brian-Johnson-Röhre noch voll Intakt, zum zweiten ist Souza ein begabter Entertainer, der es versteht, ein Publikum mit anfeuernden Gesten und flotten Sprüchen („Let´s fuck something up!“) in Wallung zu bringen.
Doch vermutlich könnte man statt ihm auch einen Wischmopp auf die Bühne stellen, denn Evergreens wie „Pleasures Of The Flesh“, „Bondes by Blood“ oder „The Toxic Waltz“ repräsentieren den Thrash-Metal in seiner ganzen unverblümten High-Speed-Herrlichkeit und können einfach keinen Fan kalt lassen. Es sei denn, sein Kopf wäre am Hallenboden festgenagelt. Aber jetzt mal ehrlich: Wie oft kommt sowas schon vor?

Sonntag, 20. März 2016

Lemmy hat mich beinahe umgebracht! - Anthrax-Gitarrist Scott Ian im Interview


Der Mann, der noch schneller spricht als er spielt: Scott Ian mit Anthrax live 2012. Foto: Jonas Rogowski
Neben Exodus, Slayer und Metallica gehören Anthrax ohne Zweifel zu den Mitbegründern des Thrash Metal Genres. Jener Spielart extremer Musik, mit der einige Aufrührer dem in heroischer Pose erstarrenden klassischen Metal zu Beginn der 80er bewaffnet mit Kettensägen-Riffs und Presslufthammer-Drums zu aufgedunsenem Leibe rückte. Die Songs wurden kürzer und brutaler. Und statt von Verliesen und Drachen zu singen, schrien die jungen Wilden düstere Endzeitvisionen voller Tod und Gemetzel in die von der atomaren Bedrohung überschattete Welt hinaus.  Doch selbst neben diesen Aufwieglern wirkten Anthrax irgendwie anders: Während sich die Bands von der Westküste mit Killer-Nieten behängten und albtraumhafte Kreaturen oder Pentagramme auf ihre Plattenhüllen drucken ließen, wählten sich die New Yorker den pfannkuchengesichtigen Grinsekopf „Not Man“ zum Maskottchen und ließen sich mit Skateboards ablichten. Ende Februar erschien ihr jüngstes Album „For All Kings“ (Nuclear Blast/Warner Music). Es ist ihr 11. in 35 Jahren Bandgeschichte. Während all dieser Zeit blieb Scott Ian die einzige Konstante. Wie sich beim Interview herausstellt, spricht der 52-Jährige Ziegenbartträger genauso schnell und pointiert wie er Gitarre spielt.   
The Big rock Blog: Nach einem Niedergang Mitte der 90er Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends erlebt der Thrash Metal gerade wieder eine Renaissance. Alte Bands wie Slayer oder Megadeth segeln vor frischem Wind und auch junge Fans und Musiker interessieren sich wieder für das Genre. Erlebst du das auch so?
Scott Ian: Hm, darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht. Ich gehe einfach jeden Tag zur Arbeit bei der Anthrax AG. Das ist ein wenig, wie in einer Seifenblase zu leben. Ob in den 90ern irgendetwas relevant war oder heute wieder relevant ist, darauf habe ich nie geachtet. Wir waren immer gut im Geschäft, wenn das Ihre Frage beantwortet.
Anthrax waren als Band also immer gleich stark gefragt?
Nun ja, von 1997 bis 2000 war die Lage kommerziell gesehen nicht so rosig wie zuvor. Aber ich denke, solche Schwankungen sind normal, wenn man so lange dabei ist wie wir – das gilt wohl für jede Branche.
Seine Geburtsstunde und erste Blüte erlebte Thrash Metal in den 80er Jahren. Damals war die Bedrohung eines Nuklearkrieges sehr real und allgegenwertig. Heute fürchten wir den Terrorismus. Sind bedrückende Zeiten gute Zeiten für aggressive Musik?
Puh, auch darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber ich kann mir vorstellen, dass man diese Theorie beweisen könnte. Als wir anfingen in den 80ern war Reagan Präsident, das waren definitiv gruselige Zeiten…
Anthrax Gründungsbassist Dan Lilker, mit dem du später noch bei den Crossover-Pionieren S.O.D. spieltest, nannte nach seinem Abgang seine neue Band sogar Nuclear Assault.
Ja, es herrschte eine beklemmende Stimmung und Thrash Metal wurde geboren. Dann passierten die Anschläge vom 11. September 2001 und Thrash wurde größer und größer. Verrückterweise ist diese Musik heute kommerziell erfolgreicher als sie es in den 80er Jahren jemals war. Ja, es scheint so zu sein: Je schlimmer die Dinge auf unserem Planeten stehen, desto bedeutender wird Thrash Metal (lacht).
Indessen scheinen heute viele Leute vergessen zu haben, was für eine beklemmende Stimmung in den 80ern herrschte. Ich kenne die Verbrechensstatistik von New York, wo du aufgewachsen bist, aus diesen Jahren nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass dort damals pro Jahr mehr Leute erschossen und abgestochen wurden, als die knapp 3000 Menschen, die beim Anschlag auf das World Trade Center umgekommen sind.
Oh ja, die Verbrechensrate war viel höher. Allerdings war das New York der späten 70er und frühen 80er, in dem ich aufgewachsen bin, eine völlig andere Welt. Als 13-Jähriger war es das absolut größte für mich, in die Stadt zu gehen und in den Plattenläden von Greenwich Village abzuhängen. Es war viel gefährlicher, aber trotzdem auch irgendwie unschuldiger. Vielleicht war auch nur ich unschuldiger. Ich war ein Teenager, aber ich nahm keine Drogen und beging keine Verbrechen. Ich wusste, dass es diese Dinge gab und wo, aber ich hielt mich fern davon. Gut, ich habe mir mal einen gefälschten Ausweis gekauft, um in Clubs reinzukommen. Und einmal hat mich auf dem Times Square einer mit dem Messer bedroht. Ich habe dem Typen meine 15 Dollar gegeben und hatte natürlich auch Angst, aber ich dachte nicht, dass ich jetzt sterbe. Heute dagegen muss man, egal wo man ist, damit rechnen, sein Leben zu verlieren. Egal, ob durch religiöse Fanatiker oder auch nur irgendeinen verdammten Irren mit einer Knarre, der entscheidet, dass er heute in einer Schule rumballern muss. Nehmen Sie nur den Angriff aus den Musikclub Bataclan in Paris, wo gerade die Eagles Of Death Metal spielten. Wobei man einräumen muss, dass zumindest hier in Amerika, der einheimische Terrorismus ein ernsteres Problem darstellt als der von außen kommende. Es gibt mehr Amerikaner, die Amerikaner töten als religiöse Extremisten, die Attentate begehen.
In den 80ern war Terrorismus etwas, das anderswo passierte, in Nordirland zum Beispiel…
…genau, oder im Mittleren Osten, in Palästina. Jedenfalls war Terrorismus damals nicht Teil meines Lebens. Heute muss ich mich, da ich auf dieser Erde lebe, zwangsläufig damit auseinandersetzen. Als Kid in den 80ern habe ich mir nicht ständig Sorgen gemacht, dass wir uns als Spezies mit Atombomben auslöschen könnten. Wenn ich aber jetzt einen Bahnhof betrete, geht es mir durch den Kopf, dass jeden Augenblick einer mit einem Bombengürtel um den Bauch auf den Bahnsteig rennen könnte. Im Dezember war ich bei der Premiere von Star Wars – mit meiner Familie. Es ist ein großes Ereignis und es sind jede Menge Leute da und in mir steigt der Gedanke auf, „was, wenn jetzt einer losballert?“.  Das ist die Welt in der wir heute leben!
Reden wir von erfreulicheren Dingen. Ihr habt eine neue Platte aufgenommen, darauf sind wieder ein paar richtige Ohrwürmer. Gibt es einen Grund dafür, dass die Thrash Bands von der Ostküste wie Anthrax oder Overkill schon immer etwas melodischer waren als die Westküstenbands wie Exodus  oder Slayer?
Darüber denke ich nicht nach. Wir planen nicht, was für Lieder wir schreiben. Wir gehen zu dritt in den Proberaum und legen los. Wir versuchen Musik zu machen, die uns die Haare schütteln lässt und Songs zu komponieren, die wir nirgendwo anders hören können. So halten wir es seit 1981.
„For all Kings“ ist ein für manche überraschend starkes Album geworden. Es ist das erste seit „Worship Music“ von 2011, das gemischte Reaktionen erntete. Davor gab es acht Jahre lang keine neuen Aufnahmen, sondern Querelen in der Band, die mit zahlreichen Besetzungswechseln einhergingen. Hattet ihr etwas zu beweisen?
Nein, die Meinung von anderen ist mir egal – abgesehen von den Jungs in der Band.
Wenn du an neuen Songs arbeitest, bist du eher ein  Hamsterer, der erst tausende von Riffs hortet und dann das meiste verwirft oder schreibst du eher wenig und nimmst das dann auch alles?
Es ist eher so, dass ich die eine oder andere Idee, die mir in den Sinn kommt, wenn ich die Gitarre zur Hand nehme, mit dem Telefon aufnehme. Wenn wir dann in der Band an Songs arbeiten und es würde passen, krame ich sie dann wieder hervor. Ich bin also kein Hamsterer. Mir kommen die besten Ideen, wenn ich mit Charlie (Benante) und Frankie (Bello) unserem Bassist gemeinsam zocke.
Nochmal zurück in die 80er. Anthrax waren nicht nur Mitbegründer der Thrash Metal-Szene. Sie waren mit ihrem Nebenprojekt S.O.D. (1985), Anthrax- Songs wie „I´m the Man“ (1987) und einer Kollaboration mit Public Enemy („Bring the Noise“, 1991) auch stilbildend für das Crossover Genre, in dem sich Elemente von Hip Hop, Hardcore und Metal verbanden. Was später sehr erfolgreiche Bands wie Korn oder Limp Bizkit inspirierte.
Ja, stimmt.
Heute läuft zwischen der Metal- und der  Hip Hop-Szene so gut wie nichts mehr. Was ist passiert?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat keiner mehr eine gute Idee für sowas gehabt, ich jedenfalls hatte keine mehr seit der Sache mit Public Enemy (lacht).
Ihr wart damals mit denen auf Tour. Sind da zwei Welten aufeinander geprallt? Chuck D hat mal gesagt, einige der Shows auf dieser Konzertreise wären mit das härteste gewesen, was er je mitgemacht habe.
Nein, wir waren einfach ein Haufen New Yorker, die gemeinsam etwas völlig Neues, Einmaliges auf die Beine gestellt haben. Eine Metal Band und eine Rap Band, die gemeinsam auf Tour gingen, das hatte es nie zuvor gegeben. Es war ein fantastisches Erlebnis. Wobei wir – das muss ich ehrlich sagen – auch an viele Orte gekommen sind, wo die Leute für so etwas noch nicht bereit waren. Aber wir hatten wie gesagt eine Menge Spaß, weil wir so sehr liebten, was wir taten.
Ende vergangenen Jahres ist Szene-Übervater Lemmy Kilmister gestorben. In dem Rockumentarfilm "49% motherfucker. 51% son of a bitch" von 2010 über ihn hast du einen Auftritt und erzählst diese urkomische Story, wie sie mit seiner Band Motörhead im selben Studiokomplex aufnahmen und dir der frisch ins sonnige Kalifornien umgezogene Lemmy täglich in diesen Hot Pants-artigen ultrakurzen Hosen über den Weg gelaufen sei, die tiefer blicken ließen als dir lieb war. Lemmy, von ihnen darauf angesprochen, meinte mit Blick auf eure knielangen Beinkleider nur ganz trocken: „Es ist warm draußen, deshalb trage ich Shorts und habe es kühl. Das hingegen sind lange Hosen“.  Das ist eine meiner Lieblingsstellen im Film…
…oh, danke schön…
…hast du vielleicht nochso eine gute Geschichte über ihn?
Keine, für die ich nicht eine halbe Stunde brauchte, um sie zu erzählen (lacht). Das erste Mal habe ich Lemmy 1985 in einer Bar in London getroffen. Und ich versuchte mit ihm mitzuhalten beim Trinken, denn er war ja mein Held. Das war aber ein verdammt schwerer Fehler. Um es kurz zu machen: Zwei Tage später kam ich in einem Münchner Hotelzimmer wieder zu mir während ein Arzt mir eine Spritze verpassen wollte, weil ich eine üble Alkoholvergiftung hatte und mich ständig erbrach Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, weil ich überzeugt war, er sei der Nazi-Doktor aus dem Film „Marathon Man“. Es war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens. Ich kann also von mir sagen, Lemmy hat mich 1985 beinahe umgebracht.  Ziemlich verrückt, was?
Diese Geschichte erzählst du ebenfalls in deinem Spoken-Word-Programm, mit dem du auch schon auf Festivals wie dem Wacken Open Air aufgetreten bist. Machst du das noch gelegentlich?
Wenn ich die Zeit habe. Es ist aber schwierig ein Zeitfenster dafür zu finden, weil Anthrax ständig spielen. Aber Lust hätte ich schon.
Was macht den Reiz daran aus, Leuten Geschichten über Heavy Metal zu erzählen, wenn man stattdessen selbst mit der eigenen Heavy Metal Band auf der Bühne stehen könnte?
Wenn ich keine Gitarre umhängen habe und nicht mit der Band spiele, habe ich die alleinige Verantwortung. Es gibt nur mich und das Mikrofon und die Leute, die von mir unterhalten werden möchte. Das gefällt mir daran.
Ein weiteres Hobby von dir ist Poker. Ein Online-Poker-Anbieter hat dich sogar mal als Profi unter Vertrag genommen. Du musst also ziemlich gut sein. Was ist das faszinierende an dem Spiel?
Das war mal. Ich habe schon seit fünf Jahren nicht mehr ernsthaft gespielt. Online-Poker ist in den U.S.A seit 2011 verboten. Das war so ziemlich das Ende meiner Spieler-Laufbahn.
Von der Band oder der Crew will niemand mit dir spielen?
Nein, keiner von meinen Freunden spielt noch Poker mit mir. Nicht einmal, wenn ich verspreche, es langsam angehen zu lassen.
Noch mal zurück zur Musik. Du hast mal gesagt, dass Accept einer deiner Haupteinflüsse als Gitarrist waren. Wann und wie hast du die Deutschen Metal-Pioniere entdeckt?
In den frühen 80ern waren meine Freunde und ich ständig auf der Jagd nach der nächsten härtesten Band der Welt. Irgendjemand kam dann mit „Breaker“ (drittes Accept Album, erschienen 1982) an und wir sind total auf die Scheibe abgefahren. Für mich war das die härteste Platte aller Zeiten – bis (der Nachfolger) „Restless and Wild“ herauskam. Von 1982 bis ´84 haben wir kaum was anderes gehört, nichts war so heftig wie Accept. Sie waren die metallischste Metal Band, die es gab.
Hast du sie auch live erlebt?
Sie kamen nach New York im Vorprogramm von Kiss. Wir kauften uns natürlich Tickets für die Show in der Radio City Music Hall. Aber am Tag zuvor spielten sie im The Mid-Hudson Civic Center in Poughkeepsie im Staat New Xork, etwa 80 Meilen nördlich von New York City. Wir fuhren hin, denn wir wollten unbedingt die ersten sein, die Accept sehen – Den Auftritt Kiss haben wir nicht mal abgewartet. So konnten wir unseren anderen Freunden am nächsten Tag erzählen, wir haben Accept schon gestern Abend gesehen und sie waren unglaublich. Dann haben wir Kiss wieder nicht angeschaut, sondern sind nach Brooklyn gefahren, weil Accept dort nachts um eins noch eine zweite Show in einem Club spielten. Dort war die Hölle los. Der Laden war vielleicht für 1200 oder 1500 Besucher ausgelegt, aber es waren bestimmt mehr als 2000 da, die komplett ausgerastet sind. Es war ein verdammt geiles Konzert.
War das nicht ein großes Opfer für dich, zweimal auf Kiss zu verzichten für Accept? Ich dachte, du wärst auch ein ziemlich fanatischer Fan von denen.
Stimmt, aber Kiss-Fan war ich nur von 1975 bis 1978. Nach „Alive II“ waren sie mir herzlich egal.

 

Montag, 22. Februar 2016

Königlicher Thrash-Genuss - Anthrax veröffentlichen "For All Kings"


Vor der endgültigen Rückkehr von Sänger Joey Belladonna 2010 hatte es schon verflixte sieben Jahre lang keine neue Musik von Anthrax zu Kaufen gegeben. Stattdessen hatten die New Yorker mit bandinternen Querelen und kaum nachvollziehbaren Besetzungswechseln viel Kredit bei den Fans verspielt. Das 2011er Comeback-Album „Worship Music“ hatte dann lediglich durchwachsene Reaktionen geerntet. Die Big-Four-Thrash-Veteranen hatten mit ihrem neuen Langspieler, der am Freitag, 26. Februar, erscheint also durchaus etwas zu beweisen. Und? „For All Kings“ (Nuclear Blast/Warner Music) ist der erhoffte Befreiungsschlag geworden! Zwar greifen einen Anthrax mit diesem Album nicht unmittelbar am Nacken und schütteln einem rüde die Birne durch wie man das aus früheren Zeiten gewohnt war. Aber nach einigen Durchläufen entfaltet „For All Kings“ seine Kraft: Schon der Opener „You Gotta Believe“ ist eine rhythmisch ausgefeilte Achterbahnfahrt von einem Song. Daneben gibt es progressiv angehauchte Epen wie „Blood Eagle Wings“, verzwirbelte  Riffomanien wie „Evil Twin“ und klassische Mosh-Pit-Kracher wie „Suzerain“ oder „Zero Tolerance“. Die Klammer, die dieses äußerst variable Songmaterial zusammenhält, ist die Stimme von Joey Belladonna, dessen Gesangsarbeit beim majestätischen Titeltrack selbst Ronnie James Dio nicht hätte peinlich sein müssen. „For All Kings“ trägt seinen Namen zu Recht. Dieses Album ist ein königlicher Genuss für Thrash-Fans. 
Melden sich lautstark zurück: Anthrax Foto: Stephanie Cabral
  



Montag, 15. Februar 2016

Wildern in Opas Plattensammlung - Pristine

Tromsø in Norwegen ist die nördlichste Großstadt der Welt. Da sind die Nächte lang und die Winter kalt und man hat viel Zeit sich mit Opas Plattensammlung auseinanderzusetzen. Auf ihrem ersten international erscheinenden Longplayer lassen PRISTINE folglich Sounds ertönen, die schon unseren Vorfahren lieb und teuer waren: Auf „Reboot“ finden sich flotte, DEEP-PURPLE-angehauchte Rocker wie “All of my Love” oder das Tanz-animative “Bootie Call”. Der Jazz-rockige Titeltrack wiederum erinnert ein wenig an die Prog-Pioniere COLOSSEUM. Bei „The Middlemen“  lugt dann SANTANA zwischen allen Gitarrensaiten hervor, während das atmosphärische „California“ den FLEETWOOD MAC der Peter-Green-Ära huldigt. Schließlich gibt es mit “All I want is you” sogar noch ein nettes Psychedelic-Ballädchen (Schrummelorgeln, Hallgitarren und alles). Dabei sind PRISTINE keine bloßen Retro-Schrammler, sondern hörbar richtig gute Musiker, allen voran Sängerin Heidi Solheim. Was vielleicht fehlt, sind ein zwei wirklich herausragende Ohrwürmer, aber Psychedelic-Freaks und Fans klassischen Rocks sollten PRISTINE eine Chance geben.
Machen auch im Schnee Spaß: Pristine Foto: Marius Fiskum
 

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Killed by death - Lemmy Kilmister wollte verpuffen, jetzt ist er doch gestorben


Lemmy 2005 auf der Bühne in Edmonton. Foto: Mark Marek

Wie alle großen Männer hatte Lemmy Kilmister konkrete Vorstellungen für sein Ableben. „Ich werde verpuffen!“, hatte der Frontmann der legendären britischen Heavy Metal Band Motörhead einmal angekündigt. Mit einem Knall ist er jetzt zwar nicht abgetreten, sein Tod kam aber immerhin plötzlich und unerwartet. Am Montag ist Ian Frazer Kilmister überraschend in seiner Wahlheimat LA an einem Krebsleiden gestorben. Nur vier Tage nach seinem 70sten Geburtstag, zwei Tage, nachdem er von seiner Krankheit erfahren hatte.
„Victory or Die“, „Sieg oder Tod“, hieß der Eröffnungssong auf dem letzten Motörhead Album „Bad Magic“, das erst im August erschienen war – es war das 22ste der Band. Das klang wie eine Kampfansage. Vor allem an das Alter, dessen Begleiterscheinungen diesem lange als unverwüstlich geltenden Krieger in den letzten Jahren zunehmend zu schaffen machten.
Schlachten hatte der stets mit eine Rickenbacker-Bass bewaffnete Lemmy Kilmister in einem langen Rock´n´Roller-Leben viele Geschlagen: Am Weihnachtsabend 1945 in Stoke on Trent in den Midlands geboren, wuchs er im ärmlichen Nachkriegsengland ohne Vater auf. Seine Schulzeit verbrachte er in Wales, wo er „als einziges englisches Kind unter 700 Walisern“ keinen leichten Stand hatte. Das Blatt wendete sich, so ist in seiner famosen Biographie „White Line Fever“ zu lesen, als er eine Gitarre mit zum Unterricht brachte: Plötzlich war der schmächtige Junge mit den abstehenden Ohren von Mädchen umlagert – obwohl er keinen Ton spielen konnte. „Das hat mir die Augen geöffnet!“
Danach schaute Lemmy nie mehr zurück. Er verdingte sich (zunächst als Gitarrist) in lokalen Bands. 1967 verschlug es ihn nach London, wo er sich mit einem Job als „Roadie“ für Jimi Hendrix über Wasser hielt. Wobei seine Hauptaufgabe darin bestand, den Star mit Drogen zu versorgen. Als Bezahlung gab es LSD. Den musikalischen Durchbruch schaffte Lemmy, der seinen Spitznamen dem Vernehmen nach erhielt, weil er als stets klammer Jungmusiker sein Umfeld mit dem Satz "lemmy [lend me] a quid 'til Friday" regelmäßig um Geld anpumpte, 1972 mit der Band Hawkwind. Er sang den Titel „Silver Machine“ ein, der auf Platz drei der britischen Single-Charts landete und somit zum größten Hit von Hawkwind avancierte. Das hinderte die Band nicht daran, ihren Bassist und Teilzeitfrontmann nach einem Drogenbedingten Grenzzwischenfall während einer US-Tour 1975 zu feuern.
Bald darauf gründete Lemmy seine eigene Band, die er aus Rache an Hawkwind nach dem letzten Song benannte, den er für sie geschrieben hatte: Motörhead. Nach einigem hin und her verfestigte sich die als klassisch geltende Besetzung mit „Fast“ Eddie Clarke an der Gitarre und dem erst im November verstorbenen Phil „PhilthyAnimal“ Taylor“ am Schlagzeug. Das Trio spielte eine krude Mischung aus Hardrock, Punk und Rock´n´Roll, schnell, hart und unerbittlich. Mal galten Motörhead als schlechteste, Mal als lauteste Band der Welt. Die Kritiker hassten sie, die Kids liebten sie umso inniger. Ihren künstlerischen und kommerziellen Höhepunkt erreichten Motörhead zwischen 1980 und 1982 mit dem Single-Hit “Ace Of Spades”  und dem unsterblichen Live-Album „No Sleep ´til Hammersmith", das auf dem ersten Platz der britischen Charts landete.
Seither gelten Motörhead als eine der einflussreichsten Heavy Metal Bands aller Zeiten, Lemmy Kilmister war die einzige Konstante in der 40-Jährigen Bandgeschichte. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, die weißen Cowboystiefel in den Bühnenboden gestemmt, den Kopf in den Nacken geworfen wie ein heulender Wolf, der Fleisch gewordene Rock´n´Roll, der  Inbegriff der Coolness. Die Fans werden einen Rockstar wie er sein soll in Erinnerung behalten. Diejenigen, die das Vergnügen hatten, ihn einmal persönlich zu treffen, einen unprätentiösen Gentleman, der dem Besucher einen Whiskey anbot (oder auch mehrere), dazu wertvolle Trinkertipps gab („Nimm zwei ineinandergesteckte Plastikbecher, einer ist zu labberig und hinterher hast du alles auf der Hose!“) und bei guter Laune schon mal ein Liedchen anstimmte („Adolf Hitlers Lieblingsblume ist das schlichte Edelweiß“). Einen gewitzten aber auch bärbeißigen Gesprächspartner, der diebisches Vergnügen daran hatte, einen gnadenlos auflaufen zu lassen, wenn man ihm undurchdachte Interviewfragen stellte.
Lemmy liebte den Rock´n´Roll und er liebte die Straße, das Leben auf Tour. Für diese Liebe kämpfte er bis zuletzt. In seiner ihm eigenen Sturheit machte er weiter Platten und gab Konzerte. Ihre letzte Show spielten Motörhead am 11. Dezember in Berlin.

Lemmy und der BRB 2014 in Hamburg. Foto: Ute Kromrey

Freitag, 20. November 2015

The Return of the Mango Kid - Danko Jones ist wieder in Hochform

Danko Jones 2015 auf dem Wacken Open Air. Foto: Frank Schwichtenberg (CC)
Zwölf Alben in 18 Jahren, dazu nicht weniger als 30 Europa-Abstecher, ein Spoken Words-Album, Vortragsreisen und Kolumnen in Musikzeitschriften,  da könnte einem glatt die Puste ausgehen. Nicht so Danko Jones. Zu Jahresbeginn hat der kanadische Rockaholic mit „Fire Music“ ganz im Gegenteil  ein ziemlich schmissiges Album herausgebracht.  Am Dienstag machte das Power Trio auf seiner aktuellen Tour  im Karlsruher  Substage Station. Der Big Rock Blog sprach mit Danko Jones.

BRB: Nach ein paar Exkursionen in Classic-Rock-Gefilde habt ihr auf eurem jüngsten Album „Fire Music“ den Punk- und Garage-Rock-Anteil wieder erfreulich hochgefahren. 

Danko Jones: Öhm, ja.

Kannst Du das vielleicht etwas näher erläutern?

Wir haben auf dem  Album mehr Wert auf die Melodien gelegt und ja, manche Songs gehen verstärkt in Richtung Punkrock. Was allerdings die von dir angesprochenen Ausflüge in den Classic Rock angeht, bin ich mir nicht sicher, ob das Ausflüge waren.

Ihr habe also keine bewusste Entscheidung für einen Richtungswechsel getroffen?

Nein, nicht einmal annähernd. Wir wollten einfach zugänglichere Songs schreiben.

 „Twisting Knife“ zum Beispiel  hat eine sehr melancholische Schlagseite, etwas, was ich in eurer Musik bislang nicht wahrgenommen habe. 

Nun ja, „Twisting Knife“ ist eine klassische Mörderballade. Es geht also um einen Mord und da geht es selbstverständlich düster und  melancholisch zu. Wir haben sowas aber schon früher gemacht. Du kannst als Band schließlich keine zehn Alben mit der immer gleichen Emotion rausbringen.

Ich habe euch auf einer euren frühen Tourneen durch Europa (im alten Substage, Verf.) das erste Mal live gesehen. Im Vorprogramm der Backyard Babies – ihr habt die übrigens ziemlich weggeblasen –, das muss so 2001 gewesen sein…

…(lacht) ja, das ist ein Weilchen her, müsste hinkommen.

Eure Show hatte etwas, was ich aber nicht recht greifen konnte. Erst Jahre später, als ich dein Spoken-Words-Album gehört habe, wo du beschreibst wie sehr dich Solomon Burke beeinflusst habe, wurde mir klar, dass es dieser Soul-Einschlag war.

Ja, sein Doppelalbum „Soul Alive!“ hat mich sehr beeindruckt. Aber auch bei Iggy Pop habe ich mir einiges abgeschaut, was die Art und Weise angeht, wie man das Publikum anspricht. 

Ende Januar veröffentlicht ihr euren diesjährigen Auftritt auf dem Wacken Open Air auf CD, DVD  und BluRay. Das machen gerade eine Menge Bands. Ist es atmosphärisch so Besonders dort zu spielen?

Das Festival bietet dir einfach alle Möglichkeiten für Liveaufnahmen. Wenn du dort spielst, gehst du mit Film- und Tonaufnahmen in anständiger Qualität nach Hause. 

Ich war ein paar Mal dort, aber jetzt meide ich es. Die Leute schießen die ganze Zeit nur Selfies, statt den Bands zuzuhören. Das nervt.

Aber das ist das Publikum, nicht das Festival. Ob du gerade die Straße herunterläufst, im Bus sitzt Die Leute machen heute überall Selfies, auf jedem Konzert, auf jeder Dance-Party, ob sie gerade die Straße runtergehen oder im Bus sitzen. Ich glaube, das hat nichts mit Wacken zu tun.

 Aber stört es dich nicht, wenn du ein Konzert gibst und die Zuschauer filmen die ganze Zeit?

Natürlich ist es ein wenig idiotisch, sich ein Konzert über einen winzigen Monitor anzuschauen, wenn man es gleichzeitig mit eigenen Augen verfolgen könnte. Aber wenigstens schauen sie sich die Show noch an.  Es macht mir also nicht allzu viel aus. Wenn die Leute allerdings die ganze Zeit Twittern und Texten und nur auf ihr Telefon starren, frage ich mich schon, was das soll.

Mit Rich King habt ihr euren 8ten Drummer an Bord…

…nein, er ist erst der 7te…

Was macht den Drumhocker bei Danko Jones zu einem Schleudersitz?

Es gibt uns seit fast 20 Jahren, da sind 7 Drummer doch gar nicht so viel. Aber von außen erweckt das natürlich den Eindruck, als seien in der Band lauter Diven, schwierige Persönlichkeiten, die sich nicht zusammenreißen können. Aber eigentlich sind wir sehr umgänglich und mit vielen Leuten in unserem Umfeld, unserem Label unserer Crew arbeiten wir schon seit 2001zusammen. Allerdings waren viele Leute, die in der Vergangenheit in der Band waren, sehr große Drama Queens. Und wir sind keine Band, die Zeit für Drama im Sinne von überflüssigem Schwachsinn hat.

Wo wir gerade von Drummern reden. Vor ein paar Tagen ist Phil „Philthy Animal“ Taylorgestorben. Du bist doch großer Motörhead-Fan, willst Du dazu etwas sagen?

Ja, das ist wirklich sehr traurig. Mit 61 Jahren ist er wirklich sehr früh gestorben. Er hat auf so vielen großartigen Songs gespielt. Er war ein Pionier des Heavy-Drumming.
Zum Abschluss: Was können die Fans von den kommenden Shows erwarten.
Songs! Ich weiß nicht, was ich sonst auf diese Frage antworten soll, als Songs. Gibt es noch mehr, was man erwarten können sollte?

Nein, das war eigentlich eine ziemlich perfekte Antwort auf meine Frage.