Dienstag, 30. Juli 2013

Auf zum Bull Run! - Das Stonewall Noise Orchestra live



Der Begriff Stoner Rock steht nicht gerade für Variantenreichtum: gepitchte Black Sabbath-Riffs, rollender Nockenwellen-Bass und Fallhammer-Drums bilden den Unterbau für meist Süßblatt-glorifizierenden Gesang. Repetitive Arrangements sorgen für Ekstase-Effekte, wie sie auch dem Blues eigen sind. Soweit, so monoton. Umso erquicklicher ist es, wenn es einer Band gelingt, innerhalb der engen Genre-Grenzen Neuland zu betreten – oder zumindest die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Das Stonewall Noise Orchestra gehört zu diesen Abweichlern. Wie es seinem Auftritt am vergangenen Freitag in der Alten Hackerei auf dem ehemaligen Schlachthofgelände unter Beweis stellte.
Das geht schon beim äußeren Erscheinungsbild der Orchestermusiker los: Fünf Männer mit verquollenen Augen und tätowierten Füßen stapfen auf die Bühne; entschlossen wie General Stonewall Jacksons Brigade in die erste Schlacht am Bull Run. Mauerblümchen sind das nicht: Die Gitarristen Mike und Snicke wetteifern offenbar um die Anita Pallenberg-Ehreninjektionsnadel für den besten Jung-Keef-Lookalike, Basser Jonas geht mit schwarzem Bart und Glatze glatt als Kerry King-Klon durch und Drummer Mr. Pillow – nun, der Name spricht für sich. Sänger (Achtung, kein Witz!) Singen schließlich erinnert mit rotem Bart und stechendem Blick ein wenig an Raimund Harmstorf; intoniert aber besser.
Musikalisch wandeln die fünf Schweden aus Borlänge auf dem Grat zwischen Heavy Metal und schwerem Bluesrock: Kyuss, QOTSA, Fu Manchu, die üblichen Verdächtigen. Aber  Songs wie „Good Ol´ Black Magic“ oder „Empire“ lassen mit beatlesken Einsprengseln und mäandernden Gesangslinien des Öfteren an den Ozzy Osbourne der 90er Jahre denken. Nur mit mehr Dampf im Kessel. Also in der Bong, meine ich. Hier und da schimmern noch Alice In Chains durch.Dazu klassischer Hardrock.
Dargeboten wird das Ganze mit der Chuzpe einer Jugendbande aus dem Plattenbau, aber ohne je unsympathisch oder gar arrogant rüberzukommen. Klasse Band. Komisch, dass sie bislang über den Geheimtipp-Status nicht hinausgekommen ist, obwohl der aktuelle Langspieler „Salvation“ schon das vierte Album ist.

Montag, 29. Juli 2013

Fiese-Alte-Männer-Blues - Stephen Stills und The Rides



Wer unter den Fantastischen Vier des Folk, Crosby, Stills, Nash & Young, bislang nur den grauen Wolf Neil des Altersgrimms für fähig hielt – in Wahrheit trägt er seinen Missmut natürlich schon in sich, seit seine Mutter Rassy abstillte – wird nun eines besseren belehrt: Ausgerechnet der heitere Stephen Stills legt gemeinsam mit seiner Band The Rides ein Bluesalbum vor. „Can´t Get Enough“ (Provogue/Mascot/Rough Trade, VÖ: 23.8.) enthält Delta Blues, Chicago Blues, Jump Blues, hemdendurchschwitzenden Rhythm’n’Blues und fiesen Alte-Männer-Blues. Aber was noch wichtiger ist, und viele haben das vergessen, Blues isböse – dieser hier ganz besonders!
Nicht einmal vor “Search And Destroy” von den Stooges schreckt Stills schreckt zurück. Das überrascht zunächst, doch dann wird einem wieder mal klar, wie viel Soul im Material der Garage Rock-Pioniere steckt. Auch seinem grimmigen Bruder Young huldigt Stills, mit einer lederbekleideten Version von „Rockin´ In The Free World“, die einem ordentlich den Fahrtwind durch die Haare bläst, yeah!
Zwar klingt das ganze Album mehr nach Blind Faith, als, wie von Stills behauptet, nach 40er- oder 50er-Jahre-Blues, aber sei´s drum. Denn anders als die vielen Blender und Nachspieler im Blues-Bereich, liefern Stills, der neben seinem wie immer delikaten Gitarrenspiel auch mit seiner nölig hohen, aber dennoch ausdrucksstarken Stimme überzeugt,  und seine Kumpane, darunter Singer/Songwriter Kenny Wayne Shepherd und Keyboard-Legende Barry Goldberg, wirklich authentischen Sound, der aber keineswegs angestaubt klingt. 
Die schlachterprobten Veteranen spielen sich ohne jeden Zynismus freudig den den Arsch ab.Wer eine Auszeit vom unpersönlichen Hau-drauf-Blues der Marke Bonamassa braucht, der ist hier genau richtig. Denn über „Can´t Get Enough“ lässt sich nur eines sagen: saugut, baby! 

The Rides: Stephen Stills, Barry Goldberg und Kenny Wayne Shepherd

Dienstag, 23. Juli 2013

Tod, Teufel und Festilenz – Shy Guy At The Show trotzen der Hitze bei „Das Fest“ mit kühler Gruft-Atmosphäre




Schwarzer Blazer, schwarzes Hemd, schwarze Jeans; Sebastian Emlings einzige Konzession an das strahlende Sommerwetter ist die schwarze Sonnenbrille. Doch dunkle Augengläser trägt der sinistre Sänger dem guten Beispiel von Corey Hart („Sunglasses at Night“) folgend vermutlich auch bei Nacht. Nicht nur, wenn er am helllichten Samstagmittag mit seiner Band Shy Guy At The Show (SGATS) beim Karlsruher Open-Air-Spektakel «Das Fest» auf der Bühne steht und mit Grabesstimme gegen die brüllende Hitze ansingt.
Während die Besucher des Musikfestivals in der Parklandschaft der Günther-Klotz-Anlage jedes Fleckchen Schatten ausnutzen, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen, verbreiten die Karlsruher Gothic-Poeten auf der Feldbühne ungerührt eiskalte Gruft-Atmosphäre.
Wie sich dabei neue Wave-Hymnen vom aktuellen selbstbetitelten Album wie „Smash Your Love“ oder „Tears Of Ice“ und Klassiker wie „Paris in Flames“ oder „Close“ aneinanderreihen – so nahtlos wie das schwarze Zyklopmauerwerk einer namenlosen Kultstätte einer vor Äonen untergegangenen extraterrestrischen Zivilisation am Südpol – ist ein weiterer Beweis für diese von deutschen Festival-Bookern zu Unrecht sträflich missachteten Band.
Das Geheimnis, warum sie SGATS hier zur Kaffeezeit auf die Bühne geschickt haben, werden die Veranstalter wohl mit ins Grab nehmen. Denn von letzter Ruhe ist beim Publikum trotz der frühen Stunde keine Spur – anders als während den Performanzen der später spielenden Bands: Alt und Jung zelebrieren fröhlich den Danse macabre um eine frisches Nass spendende Sprinkleranlage.
Überhaupt kann man den „Fest“-Machern für die Programmgestaltung kein makelloses Zeugnis ausstellen: Viele murrten über die „deutsche Welle“. Und tatsächlich rissen nicht alle einheimischen Acts das Publikum von der Grasnarbe: Die Münchner Spaßfußballer Sportfreunde Stiller, Liedermacher Bosse mit seinem freundlich belanglosen WG-Pop und Reggae-Star Gentleman verbreiteten – Langeweile. Aus der Riege der angereisten ach so hochgelobten deutschen Pop-Bundesligaspieler setzten lediglich Seeed ein unumstrittenes Glanzlicht.
Wem der ganze Trubel sowieso zuwider war, der hatte die Chance, sich SGATS am Samstagabend gleich noch einmal anzusehen. Diesmal auf dem Freigelände der Rheinschänke unweit der Fähre beim idyllischen Ursprungsort der Band, Leimersheim. Diesmal sorgten ein roter Vollmond und flackernde Fackeln für das richtige Ambiente – von den zahllosen Mücken, die den (licht)scheuen Jungs unpassender Weise statt Fledermäuse um die Köpfe kreisten einmal abgesehen. Egal, als Emling nach über zwei Stunden Spielzeit die völlig aufgelösten SGATS-Fans mit einem markerschütternden „Rebel Yell“ in die laue Sommernacht verabschiedete, hatten SGATS nicht nur die mittägliche Hitzeschlacht vergessen gemacht, sondern sogar die Schnaken besiegt. More, more, more!


Freitag, 19. Juli 2013

Musikalische Brandrodung - Soulfly machen im Substage ein paar Quadtratkilometer Regenwald zu Kleinholz

Seit seinem Abgang bei den Thrash-Ikonen Sepultura hatte sich Max Cavalera die Versöhnung von extremem Metal und Weltmusik zur Lebensaufgabe gemacht. Seit dem 2012er Album “Enslaved” gebärdet sich seine Soloband Soulfly wieder etwas gradliniger und brutaler. Bei seinem Auftritt im Substage am Mittwoch kann der Brasilianer die gut vierhundert eingerückten Fans voll überzeugen. Doch die Schatten der Vergangenheit reichen weit.
Soulfly haben den Faden aufgenommen, wo Sepultura ihn Mitte der 90er mit „Roots“ haben fallenlassen: Vom Einfall der Zivilisation in ihre Jagdgebiete erboste Yanomami rühren die Dung-dugga-dung-Tribal-Drums. Abgehackte Wacke-chi-wacke-chi-Riffs brechen breite Schneisen in den Palisander-Bestand. Max Cavalera –in der Tradition südamerikanischer Guerilleros und Udo Dirkschneiders angetan mit tarngrünem Kampfanzug  – schwingt unermüdlich die dicken verfilzten Haarwürste.  Seinem inneren Brüllaffen lässt er derart freien Lauf, als trage er einen Blätterhandschuh voller Riesenameisen, wie er bei den schmerzhaften Initiationsritualen junger Sateré-Mawé-Indianer üblich ist. Da nimmt der Tapir verängstigt Reißaus und die bunten Aras verstreuen sich schimpfend in alle Winde. Alles Saufen im Dienste des "Regenwald Projekts" einer bekannten Bierfirma – in wenigen Augenblicken zunichte gemacht.
Cavaleras musikalische Brandrodung ist effektiv – alles springt und versucht mit hochgereckten Armen die Hallendecke anzuheben. Aber dennoch:  die ewigen Huppla-huppla-Refrains, die meist aus den mehr oder minder originell kombinierten Bauteilen „Un, dos, tres“, „Here weg go“ oder „Jump, jump“ zusammengesetzt sind und offenbar animierend wirken sollen, rufen eher Langeweile hervor. Dagegen macht der Ausflug in alte Sepultura- Tage mit dem Arise-Opener „Dead Embryonic Cells“ richtig munter. Nach all dem groovigen Midtempo-Gecruise wird das Gaspedal endlich mal bis zum Anschlag durchgetreten. Mit solcher Wucht zischen einem die 100 Dezibel in die Fresse, dass die nächste Zahnsteinentfernung getrost auf nächstes Jahr verschoben werden kann. Während „Territory“ fahren dann Startfahrzeuge mit einschüchternd aufgepflanzten Jericho-2 Mittelstreckenraketen vor dem geistigen Auge vorbei und „Refuse/Resist“ ist noch immer einer der kompromißlosesten Kracher der Thrash-Geschichte.
Apropos: Man soll ja nicht immer sagen, dass früher alles besser war, aber manchmal muss der Zeitzeuge doch den Käpt´n Blaubär machen: 1994. Obituary, Rollins Band und Sepultura prügeln sich im Verein durch Europa. Mit „Cause Of Death“, „Weight“ und natürlich „Chaos A.D.“ haben alle drei Bands soeben absolute Hyper-Klassiker vorgelegt und hinterlassen an Kampfabenden – der Ausdruck Konzert beschreibt das Geschehen nur ungenügend – ganze Turnhallen voll zerschmetterter Leiber. Dagegen ist das hier, sorry Nax, nur ein Spaziergang im Park. Na schön, im Amazonas-Dschungel.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Megadeth - Auf Konfrontationskurs


Ob Dave Mustaine mit dem Albumtitel „Super Collider“ eigentlich sich selbst meint, darüber kann nur spekuliert werden. Dass der so streitbare wie umstrittene Megadeth-Mainman gerne Konfrontationskurs steuert, hat er hinlänglich bewiesen: Erst grollte er jahrzehntelang den in seinen Augen treulosen Hetrich und Ulfield, dann schimpfte er über die unamerikanischen Machenschaften solch unzuverlässiger Zeitgenossen wie Schwule und Barrack Obama, jetzt wirft er der eigenen Anhängerschaft den Fehdehandschuh hin – zumindest demjenigen Teil davon, der dem alten Thrash-Spirit von Dave und Co verhaftet ist. Doch der Reihe nach: Der Opener „Kingmaker“ ist ein ordentlich ballernder Speed Metal-Bolide, mit dem darauffolgenden Titeltrack gehen Megadeth dann aber runter vom Gas und mehr in Richtung Heavy oder Sleaze Rock. Zweifelsohne ein kühner Schritt. Leider führt er nicht zum Ziel, sondern ins Leere. Denn bei ihren Ausflügen in Southern Thrash Gefilde haben etwa Bands wie Alabama Thunderpussy schon mehr PS auf die Straße gebracht. Ein wirklicher Ausfall ist „Super Collider“ trotzdem nicht. Mit dem Pantera-beeinflussten „Built For War“, dem von einem atemlos dahinrasenden Riff getragenen „Dance In The Rain“ oder dem mit Gruselbanjo und Spaghetti-Western-Atmosphäre ausgestattete „Blackest Crow“ gibt es genügend Highlights, die einen Kauf rechtfertigen. Darüber hinaus ist Mustaines Gitarrenspiel wie immer absolut erstklassik, der Gesang schön schnodderig und die Band so tight wie ein Iron Maiden-Bühnenoutfit 1982. Mit dem Thin Lizzy-Klassiker „Cold Sweat“ gibt es abschließend noch eine selbstironische Referenz – ganz witzig, aber künstlerisch wenig wertvoll. Eine Aussage, die sich über das ganze Album treffen ließe.